ZEIT: Herr Augstein, am Montag dieser Woche lief im Fernsehen ein Film, der im Milieu des Journalismus spielt. Darin fiel der Satz: „Es kommt der Moment, da ist man auf eine erfundene Geschichte genauso stolz wie auf eine gut recherchierte.“ Manche haben sich, als sie diesen Satz hörten, wohl gefragt: Hat der Spiegel diesen Punkt erreicht?

Augstein: Wie Sie wissen, mache ich diese Sache im Spiegel seit über 40 Jahren. Ich denke, ich säße nicht mehr auf demselben Stuhl, wenn wir bisher diesen Punkt jemals erreicht hätten. Ich bin sicher, wir haben ihn auch diesmal nicht erreicht.

ZEIT: Die Republik schuldet dem Spiegel vieles...

Augstein: Und der Spiegel der Republik.

ZEIT: Sie schuldet ihm auf jeden Fall ein geschärftes Bewußtsein für die Sauberkeit unserer Institutionen, aber auch einen geschärften Sinn für Anstand oder Unanständigkeit in der Bundesrepublik. Es sind ziemlich genau 25 Jahre vergangen seit der Spiegel- Affäre von 1962, die in Wahrheit keine Spiegel-Affäre war, sondern eine Staatsaffäre. Auch die Aufdeckung des Flick-Skandals und der Durchstechereien bei der Neuen Heimat ist weithin dem Spiegel zu danken. Haben wir es jetzt mit einer Affäre zu tun, in deren Zentrum der Spiegel steht – mit einem Presseskandal also, nicht mit einem politischen Skandal?

Augstein: Der Presseskandal wäre doch nur dann gegeben, wenn wir leichtfertig etwas berichtet hätten, was objektiv nicht stimmt. Diesen Punkt kann ich im Moment nicht erkennen.

ZEIT: Es sind in Schleswig-Holstein unzweifelhaft unentschuldbare Dinge passiert. Unstrittig ist, daß Engholm ausgespäht und sein Steuergeheimnis gebrochen worden ist. Einen Beweis aber, daß beides von Uwe Barschel veranlaßt war, haben wir bisher nicht. Den hat auch der Spiegel nicht geliefert. Dafür gibt es nur die unbelegten Behauptungen des Reiner Pfeiffer, die der Spiegel kommentarlos unter die Leute gebracht hat.