Bonns Gesundheitsministerium muß jetzt die Selbstbedienung für Medikamente neu regeln

Es mag ihr gefallen oder nicht, aber Rita Süssmuth muß in Kürze handeln. Die Bonner Gesundheitsministerin muß darüber entscheiden, ob Deutschlands Apotheker freiverkäufliche Arzneimittel künftig auch als Selbstbedienungsware feilbieten dürfen oder ob diese Form des Medizinvertriebs generell verboten wird.

Den Anlaß dazu gibt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe, demzufolge es verfassungswidrig ist, die Apotheker von der SB-Vertriebsform per Verordnung auszuschließen. Was Drogerien, Reformhäusern, Kauf- und Warenhäusern sowie Verbrauchermärkten seit langem erlaubt ist, blieb den Apothekern ausdrücklich versagt: freiverkäufliche Arzneimittel in Selbstbedienung anzubieten.

Der Gesetzgeber hatte das Selbstbedienungsverbot für alle Arzneimittel in Apotheken 1968 eingeführt. Der übrige Handel durfte damals die rezeptfreien Mittel wie bis dahin weiter als Selbstbedienungsware feilbieten.

Die Apotheker hatten sich das Verbot selbst zuzuschreiben; sie hatten es nämlich selbst gefordert, weil die Selbstbedienung bei Arzneimitteln ihrem Selbstverständnis widersprach – in erster Linie ist der Apotheker Berater des Kunden, in zweiter dann erst Verkäufer. Konsequent forderten sie das Selbstbedienungsverbot allerdings auch für die übrigen Vertriebswege, konnten sich damit aber nicht durchsetzen. Der Gesetzgeber mochte die Meinung der Apotheker, Selbstbedienung bei nicht apothekenpflichtigen Arzneimitteln sei eine Gefahr für die Volksgesundheit, nicht teilen.

Daß die Ungleichbehandlung der Apotheker zu Umsatzrückgängen bei den Apotheken bei geführt hätte, ist nicht belegt. Seit Jahren sind die Umsatzanteile der Apotheken bei freiverkäuflichen Arzneimitteln – von leichten Schwankungen abgesehen – konstant geblieben. Der Anteil der Apotheken liegt bei rund 35 Prozent (Wert zu Endverkaufspreisen 1986: 412 Millionen Mark). Den Rest teilen sich dann Drogerien/Drogeriemärkte (404 Millionen), Reformhäuser (88 Millionen), Kauf- und Warenhäuser (28 Millionen), Verbrauchermärkte (135 Millionen) sowie sonstige (68 Millionen).

Einige Apotheker mochten die Ungleichbehandlung bei der Selbstbedienung nicht hinnehmen und meinten, sie sei verfassungswidrig. Das Bundesverfassungsgericht gab ihnen mit ihrer Klage recht: Karlsruhe entschied: „Es ist mit dem Grundgesetz unvereinbar, die Zulässigkeit der Selbstbedienung bei freiverkäuflichen Arzneimitteln für Apotheken und für den übrigen Einzelhandel unterschiedlich zu regeln.“