In rheinischen Kraftwerken stürzen auffallend häufig Bauarbeiter ab

Von Dirk Kurbjuweit

Niemand weiß, warum der Maurer außen an den Gerüststangen hochgeklettert ist, hätte er doch im Gerüst sicher über Leitern hinaufsteigen können. Niemand weiß auch, warum er das Sicherungsseil nicht umgelegt hat, obwohl dies dringend vorgeschrieben ist. Man wird es nie erfahren, denn der Maurer ist tot. Er hatte keine Chance, den Sturz zu überleben. Das Gerüst war ganz oben in einem riesigen Schornstein befestigt, und er ist zweihundert Meter tief in den Kamin gefallen.

Der Unfall passierte auf einer großen Baustelle in Frimmersdorf bei Köln, wo dem größten Braunkohlekraftwerk der Bundesrepublik Rauchgasentschwefelungsanlagen eingebaut werden. Es war der zweite mit tödlichen Folgen, und eigentlich hätte es der letzte sein müssen. Denn eine Faustregel besagt, so grausam es auch klingt, daß mit zwei Toten gerechnet werden muß, wenn Wolkenkratzer, Fabrikschornsteine oder Brückenpfeiler gen Himmel wachsen.

Doch der zweite Tote war diesmal nicht der letzte. Nach ihm gab es vier weitere, so daß auf der Baustelle in Frimmersdorf in einem Jahr sechs Menschen starben. Da werden Fragen laut, zumal wenn nur zwei Kilometer entfernt das Kraftwerk Neurath steht und dort beim Einbau von Entschwefelungsanlagen vier Arbeiter tödlich verunglückten. Weitere fünf Kilometer entfernt forderten gleiche Arbeiten am Kraftwerk Niederaußem zwei Opfer. Und eine halbe Autostunde Richtung Aachen starben bislang drei Bauarbeiter bei der Montage von Entschwefelungsanlagen am Kraftwerk Weisweiler. Zusammen sind das fünfzehn Tote. Fragen werden da schnell zu Anklagen. Aber wer ist der Angeklagte? Das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk (RWE), dem alle vier Kraftwerke gehören? Die zahllosen Firmen, die für das RWE die Entschwefelungsanlagen einbauen? Oder tragen allein die Opfer die Schuld an ihrem Tod? Antworten lassen sich, wenn überhaupt, nur auf den Baustellen finden.

Keiner war gesichert

Mehr als zweitausend Mann sind in Frimmersdorf im Einsatz, in Tag- und Nachtschicht, zum Teil auch am Wochenende. Einen Kilometer lang ist die Baustelle, wie überhaupt alles hier riesige Dimensionen hat. Denn die Entschwefelungsanlagen werden nicht einfach auf die Schornsteine gepfropft, sondern sind Chemiewerke von der Größe eines Wohnhauses mit zwanzig Etagen. Vierzehn davon werden in Frimmersdorf gebaut samt vier neuer Kamine.