Durch die hellen Flure des alten Krankenhauses Bethanien, an der Türkischen Bibliothek vorbei. Das Linoleum riecht nach Volksbildung. Eine schlanke Ausstellung, diese Erinnerung an Alfred Döblin; keine Erlebnisräume, keine Schocks, wohltuend viel Platz und viel Ruhe. Lackierte Podeste vor großen, klug komponierten Photomontagen von Großstadt und Verkehr und Exil und Elend. In den Vitrinen der Rohstoff eines Schriftstellerlebens in diesem Jahrhundert. Zeitungsausschnitte: Fritz Thyssens kaltes Lächeln bei der Entlassung aus dem Gefängnis 1945, das Battleship California, die tanzende Rita Hayworth und ein Mensch, der gerade in Buffalo aus einem Hotelfenster gesprungen ist. Kalenderphotos von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Ein Glückwunsch von Thomas („dem kühnen Kameraden“), und eine politische Einladung von Heinrich Mann („20. September, Salle d’encouragement, rue de Rennes“). Passierscheine, Pässe die Fülle; die klare Schrift mit den tiefen Unterlängen und ein Brief an Loerke vom 26.2.34: das letzte halbe Jahr sei ein „halbes Jahrhundert“ gewesen.

Mehr als ein Jahrhundert also trennt uns von diesem Mann und der Stadt, über die man in der freundlichen Nüchternheit Bethaniens nachdenken kann. Hell und schlank kommt die Stimme aus dem Kopfhörer. Döblin, 53 Jahre alt, eröffnet eine Ausstellung der Berliner Sezession. Ein kleiner Mann, die Hand am Revers, ein Mann für den öffentlichen Auftritt, der früh und bewußt die Möglichkeiten von Kamera und Mikrophon nutzte. „Wenn ich ihre Bilder sehe“, sagt die eher pommersch als berlinerisch getönte Stimme, „dann spricht das nicht zu mir ... Sie sind nicht ganz Leute von heute. Ich muß Ihnen das sagen.“ Da lachen die Zuhörer. „Hören Sie, Sie lachen. Lachen Sie doch nicht“, hebt Döblin die Stimme, und er fordert sie auf, Individuen zu schaffen in einer Zeit, die das Individuum nicht mehr will. Das war 1931.

Aus der Musikschule im zweiten Stock geklimperter Mozart, vom Hof Fußballgeräusche. Es gibt viel zu sehen in Berlin in diesem Sommer, daher sind es nur wenige Besucher an diesem späten Nachmittag. Und so kann man auf den Podesten sitzen, und ganz allmählich den Raum begehen – zwischen den eigenen Gedanken und den Bildern aus dem Leben Döblins und von der Stadt Berlin. Man kann dazu Döblin-Texte hören und im Katalog blättern – auch er eine opulente Collage, ein Arbeitsbuch. Und aus allem setzt sich ein Bild vom politischen Dichter und Moralisten zusammen, von einem Beobachter, der mit hellwacher Passivität die Kontinente Natur, Gesellschaft, Seele erfuhr, „wie ein Vogel, der im Wasser schwimmt, aber von dem das Wasser, als wenn seine Federn beölt wären, abfließt.“ – Eine Stunde Ruhe und Arbeit – im Zeitalter der Inszenierungen und Simulationen gibt es wenige Ausstellungen, die das ermöglichen und so höflich nahelegen.

Wenn er in Berlin sei, könne er überall schreiben, hat er einmal gesagt. Auch das ist Stadt: nicht nur Maschine und Kakophonie, sondern ein Körper, der trägt, ein Geflecht, in dem sich gut bewegen läßt, ein weites Ich, ja, etwas, das man lieben kann. Ob es um Biberkopfs Einverständnis ging, um die Revolution, um China, die Völkerwanderungen des fünfundzwanzigsten Jahrhunderts oder das Abschmelzen der Polkappen: „Ich habe immer von Berlin gesprochen, diesem großen starken und nüchternen Berlin.“

Und Berlin? Wie geht es um mit diesem Metropolenbenutzer, der immer noch Zeit fand, für die Ärztekammer zu kandidieren oder die Freiwilligkeit des Schulbesuches zu fordern? Ein paar Blöcke nach Westen kommt man zu einem schäbigen Platz. Ein kleines Dreieck zwischen Mauer, katholischer Kirche und Häusern mit Transparenten. Granit, Basalt und bunte Kopftücher. Am Rande ein Café. Fahrradständer, die Frankfurter Rundschau auf dem Tisch und junge Frauen mit Narben im Gesicht. Zwei Kinder turnen auf dem gußeisernen Schild in der Mitte des Platzes: „Döblin-Platz“ – nicht einmal eine Postadresse. Eine Pflichtübung, mit George Grosz haben sie es genauso gemacht. Aber es ist wohl richtig: hier, dieser Platz am äußersten Rand des westlichen Halbkontinents. Oder sollen sie die Lietzenburger Straße nach ihm benennen?

Alfred Döblin zum Beispiel – Stadt und Literatur; Konzeption: Krista Tebbe in Zusammenarbeit mit Harald Jähner, 1. September bis 31. Oktober (Kunstamt Kreuzberg/Bethanien).

Mathias Greffrath