Der Öl- und Immobilienrausch trieb die texanische First City Bank in eine Milliarden-Dollar-Pleite

Von Jes Rau

Sie machen alles in großem Stil, diese Texaner: riesige Cowboyhüte, riesige Viehherden, riesige Ölgeschäfte. Natürlich sind auch die Reinfälle in Texas in der Regel um mindestens eine Nummer größer als anderswo in Amerika. Die gegenwärtige Bankenkrise ist dafür typisch. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo in den Vereinigten Staaten ein marodes Geldinstitut pleite geht, saniert oder mehr oder weniger freiwillig mit einer anderen Bank fusioniert wird. Das läuft nun schon so routinemäßig ab, daß die breite Öffentlichkeit das Interesse am Geschehen längst verloren hat.

Spannend wird es aber zumeist, wenn in Texas eine Bank ins Beben kommt. Denn betroffen sind dort nicht nur irgendwelche Spar- und Darlehenskassen provinziellen Zuschnitts, sondern mächtige Institute wie beispielsweise die First City Bank, die sich bei ihrer Kreditvergabe verspekulierte – und zwar in texanischem Stil: wenn schon, denn schon.

Nirgendwo sonst als in Texas gab es in den vergangenen Jahren auch so günstige Gelegenheiten, Kreditgelder zum Fenster hinauszuschmeißen. Denn in der guten alten Zeit, als man Rohöl noch „flüssiges Gold“ nannte, wähnten sich fast alle Banken glücklich, wenn sie irgendwelchen Abenteurern die Miete für Bohrgeräte und die sonstigen Kosten der Schatzsuche finanzieren durften. Bei den neidischen Yankees im Norden Amerikas erzählte man sich in den Jahren des Ölbooms, daß die Texaner ihre – natürlich überdimensionalen – Zigarren mit Hundertdollarscheinen anzünden.

Wahr ist zumindest, daß Geld und Kredit in diesen Jahren leicht zu haben waren in Texas. Die Öldollars heizten einen Immobilienboom an, wie ihn die Welt noch nicht erlebte. Vor allem in Houston, aber auch in Dallas und in Fort Worth schossen gigantische Bürotürme in den Himmel, entstanden in kurzer Zeit ganz neue Vororte und Einkaufszentren. Die rauschhafte Bautätigkeit ging auch nicht zurück, als die Ölpreise scharf absackten und viele Ölfirmen in Schwierigkeiten gerieten. Einige texanische Banken entschieden sich, die „Kreditleichen“ in ihrem Ölgeschäft mit Gewinnen aus der Immobilienfinanzierung zuzudecken, weshalb sie diese Kreditsparte noch forcierten. Jeder Laie hätte eigentlich sehen müssen, daß Öl- und Immobilienboom miteinander verknüpft waren, daß also die Krise der texanischen Ölindustrie sich auch auf die Immobilienbranche ausdehnen würde.

Aber soweit reichte das Vorstellungsvermögen nicht bei den texanischen Banken. Der Zusammenbruch des Immobilienmarktes in Houston wurde deshalb für die betroffenen Institute zur Katastrophe. Die Büroräume ganzer Wolkenkratzer sind seit Jahren ungenutzt. Aus dem Boden gestampfte Vororte sind verlassene Geisterstädte geworden. Wegen der gefallenen Immobilienpreise haben die Hausbesitzer ihre kaum angezahlten Behausungen einfach aufgegeben und den „Vandalen“ überlassen, die alles abmontieren, was nicht niet- und nagelfest ist. Allein in Houston warten 70 000 leere Neubauten auf ihre Zwangsversteigerung. Die Verluste aus dem Immobilienkrach haben das Vermögen aller in Houston beheimateten Bankkonzerne total aufgefressen.