Von Christiane Röhrbein

Mesdames et Messieurs, bonsoir“, flötet Francoise. – „Bonsoir“, strahlt Alexandre. „Vielen Dank, daß wir heute abend in Ihrem sweet home zu Gast sein dürfen. Sie werden es nicht bereuen, denn in dieser Sendung können Sie die unglaublichsten Geschäfte machen...“ „Ganz genau“, pflichtet ihm seine Kollegin bei, „doch bevor wir die Spielregeln von Schnäppchen für alle‘ erklären, sollten wir unseren ersten Preisknüller vorstellen.“ – „Unbedingt“, stimmt Alexandre begeistert zu. Im Bild erscheint ein flaschengrüner Beistelltisch aus Plexiglas. „Ihr Kind ist ein richtiger kleiner Computerfan“, plaudert Alexandre gutgelaunt aus dem Off, „und der Weihnachtsmann hat ihm einen hübschen kleinen Heimcomputer gebracht. Nichts spricht also dagegen, ihm jetzt das passende Computertischchen zu schenken.“ – „Computech gibt es auch in schwarz und metallic-grau für ganze 980 Francs“, säuselt Françoise mit schmeichelnder Stimme. „Wählen Sie 3615 Code TMV auf Ihrem Minitel oder greifen Sie einfach zum Telephon. 110 junge Damen warten auf Ihre Bestellungen.“

Die blonde Françoise und der smarte Alexandre gehören zu den neuen Verführern am Bildschirm. In fünfzehn Sendungen à dreißig Minuten versuchten sie, die happy few des französischen Kabelfernsehens zu überzeugen, daß sie Ladenschlußzeiten, überfüllte Kaufhäuser und Parkplatzsorgen getrost vergessen und ihren Einkaufswagen verschrotten könnten. Shopping à l’americaine, zu deutsch: Einkaufen im Fernsehsessel heißt die Devise. Denn was in den Vereinigten Staaten und in Italien seit Jahren zum TV-Alltag gehört, das können die technikgläubigen Franzosen allemal.

Dem Pilotprojekt der VTCOM, einer Tochtergesellschaft der Post und der Fernsehproduktionsgesellschaft Telemarket-Video war gleichwohl nur ein mäßiger Erfolg beschieden. Dies lag in erster Linie daran, daß die Verkaufsshows sterbenslangweilig und unprofessionell gemacht waren. Zum anderen war das Experiment auf 50 000 verkabelte Haushalte beschränkt. Sämtliche amerikanische Untersuchungen zeigen jedoch, daß mindestens fünf Millionen Haushalte erreicht werden müssen, um die Rentabilität von Home-Shopping-Programmen zu gewährleisten. Das Ganze sei ja nur ein Test gewesen, sagt dazu VTCOM. Nach den Sommerferien solle es richtig losgehen. Inzwischen haben sich VTCOM und Télémarket mit einigen Kabelgesellschaften und großen Handelsketten, darunter Carrefour, Conforama, Galeries Lafayette, Monoprix und American Express zur Society Francaise de Télé-Achat (SFT) zusammengeschlossen. Vom Herbst dieses Jahres an will die neu gegründete Programmgesellschaft den großen nationalen Privatsendern komplette Home-Shopping-Programme anbieten.

Die Sender TF 1, La Cinq, M 6 und Canal Plus haben bereits ihr Interesse angemeldet; eine von der französischen Regierung eingerichtete Arbeitsgruppe klärt zur Zeit die rechtlichen Fragen.

Da sind die Italiener schon ein ganzes Stück weiter. Bis zu 120 Sendestunden pro Woche waren 1986 in den sieben nationalen und rund 160 regionalen und lokalen Fernsehsendern den Verkaufeprogrammen vorbehalten. Brigitte Kammerer-Jöbges hat sich für die Zeitschrift Neue Medien im südlichen Fernseh-Dorado umgesehen. Ihr Fazit: Vom Küchenregal über Massagegeräte bis zu Grafiken und Antiquitäten – in Italien läßt sich alles per TV verkaufen. Wanna Marchi zum Beispiel führt seit Jahren, täglich eine Stunde lang, ihre eigenen Kosmetika auf dem Bildschirm vor. „Unermüdlich von einer Creme zum nächsten Duftwasser flanierend, plaudert sie im Gisela-Schlüter-Tempo – allerdings mit tieferer Stimme – über alles, was man der besten Freundin am Telephon erzählt.“ Ein gewisser Signor Becchero hat eine Maschine erfunden, die das Toto-System-Spielen erleichtern soll und 150 Mark kostet. Seit über einem Jahr reist er durch die Lande und präsentiert an sechs Abenden in der Woche, jeweils in einer anderen Region, eine halbe Stunde lang seine „sensationelle Erfindung“.

In den meisten Shows wird das Kauffieber mit Werbegeschenken für die schnellsten Besteller entfacht. Denn während die traditionelle TV-Werbung davon lebt, Produkt-Images zu schaffen, die dem Zuschauer möglichst lange im Gedächtnis bleiben, hängt der Erfolg von Home-Shopping-Programmen davon ab, die Zuschauer so unter Druck zu setzen, daß sie sich zu Spontankäufen verleiten lassen. Meist kann die Ware – in der Regel Ramsch – nur bestellt werden, so lange sie auf dem Bildschirm zu sehen ist. Hinzu kommen vermeintliche oder tatsächliche Stückzahlbegrenzungen, die dem Zuschauer das Gefühl geben, er könnte das Schnäppchen seines Lebens verpassen.