Von Marlies Menge

Ost-Berlin, im September

Honeckers Zukunftsvision, eines Tages könnte die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten die Menschen nicht mehr trennen, sondern vereinen, hat in der DDR die Gemüter weniger erregt als bei uns. Erstaunlich fanden die DDR-Fernsehzuschauer allenfalls, wie ungewohnt locker ihr Staatschef zugab, daß die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik nicht so sei, wie sie sein sollte. Ansonsten war die Reaktion eher gedämpft, vor allem wohl deshalb, weil Honecker just die Grenze zwischen DDR und Polen genannt hatte.

Vergleichbar mit der westlichen DDR-Grenze ist sie immerhin, da auch sie eine Nachkriegsgrenze ist, von der DDR vorbehaltlos und endgültig seit langem anerkannt. Für visumfreien Tourismus wurde sie trotzdem erst 1974 geöffnet, was die Polen vor allem zu Einkaufsreisen in die DDR nutzten. Das brachte zwar die DDR-Bürger gegen sie auf, die aber ihrerseits das freie Reisen nach Polen genossen. 1980 war es dann aus mit dem Traum. Aus Angst vor Solidarność schloß die DDR-Führung die Grenze. Wenn heute ein Pole seinen Freund in der DDR besuchen will oder umgekehrt, brauchen beide amtlich beglaubigte Einladungen.

Einen großen Vorteil hat die polnische Grenze gegenüber der zur Bundesrepublik dennoch; DDR-Bürger sind nicht auf Einladungen von Verwandten zu runden Geburtstagen oder Familienfesten angewiesen, sondern können sich zu jedem Termin auch von Freunden einladen lassen. Vor allem aber wird an der deutsch-polnischen Grenze nicht geschossen.

Die Leute in der DDR kennen diese Unterschiede, doch machen sie sich keine Illusionen. Sie wissen, daß ihr östlicher Nachbar anders ist als ihr westlicher, daß deshalb auch die Grenzen kaum vergleichbar sind. Zwar ist auch das Verhältnis Polen – DDR sensibel. Nicht von ungefähr war der polnische Staatschef Jaruzelski der erste, der sich von Honeckers West-Reise berichten ließ.

Polen und DDR gehören demselben System an. „Wenn unsere Währung bei euch nur halb so anerkannt wäre wie in Polen, wären wir schon viel weiter“, meinte ein Freund aus der DDR. Auch als die Grenze offen war, mußte keine der Regierungen befürchten, daß ihr ein wichtiger Teil der Bevölkerung zur anderen Seite davonläuft. Als Honecker seine Schwester in Wiebelskirchen besuchte, fiel sicher manchem auch ein, daß „NSW-Kader“ (Leute, die beruflich ins nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet reisen) unterschreiben müssen, daß sie keinerlei Kontakte zu westlichen Verwandten haben.

Der Besuch Honeckers in der Bundesrepublik hat Emotionen freigesetzt, wenn sie im Westen auch nicht überall so lauthals negativ waren wie bei den Anti-Honecker-Demonstranten, in der DDR nicht so jubelnd wie in den Medien. Unkenntnis und Desinteresse, Vorurteile und Feindbilder müssen auf beiden Seiten abgebaut werden, etwa durch die Arbeit deutsch-deutscher Schulbuch-Kommissionen. „Bisher haben die Politiker nur eine Notbrücke zwischen den beiden deutschen Staaten für sich gebaut“, sagte ein Mann aus Essen. „Jetzt müssen wir eine feste Brücke mit Geländer aufstellen, über die sich auch die Bevölkerung zu gehen traut.“