Seit 1983 gibt es die Jahrbücher der „Gesellschaft für Exilforschung“. Inzwischen liegt der 4. Band vor unter dem Leitthema „Das jüdische Exil“.

Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch. Band 4 – Das jüdische Exil und andere Themen; hrsg. L A. der Gesellschaft für Exilforschung/Society for Exile Studies; edition text + kritik, München 1986; 310 S., 34,– DM.

Da heißt es im Vorwort: „Die Flucht aus Deutschland hob die große Anstrengung der kulturellen Assimilation der Juden an die deutsche Gesellschaft auf – und es ist noch nicht entschieden, ob dies eine Trennung für immer sein sollte.“

Die jüdische Identität wurde für die Emigranten Fluchtpunkt in der Verstörung, die sich aus der Verfolgung ergab. Allerdings lag der Grund für die Flucht bei vielen von ihnen nicht in erster Linie im „rassisch“ Verfolgtsein, sondern vorrangig in der politischen Gegnerschaft zum Nationalsozialismus, in ihrem Parteiengagement, in ihrer Kunstauffassung oder Wissenschaftskonzeption, die im Hitlerdeutschland nicht mehr zu vertreten war. Albert Einstein, Sigmund Freud, Ernst Bloch oder Max Horkheimer wären auch als Nichtjuden zur Emigration gezwungen worden. Als Juden waren sie jedoch zusätzlich gefährdet.

Einige von ihnen, wie der Politiker Rudolf Hilferding, der Journalist Theodor Wolff und der Maler Felix Nußbaum, wurden im Ausland von ihren Verfolgern eingeholt. Andere, wie Walter Benjamin, Ernst Toller, Kurt Tucholsky oder Stefan Zweig, machten ihrem Leben im Exil selbst ein Ende. Knapp ein Drittel von ihnen kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück. In beiden deutschen Staaten nahmen die meisten wieder führende Positionen im öffentlichen Leben, in Kultur und Wissenschaft ein.

Ernst Loewys autobiographischer Bericht Jude, Israeli, Deutscher – mit dem Widerspruch leben“ verdeutlicht die Leiden und Leidenschaften des Exils und der Rückkehr eines deutschen Juden, der als Fünfzehnjähriger nach Palästina floh. In der Autobiographie stößt das öffentliche mit dem privaten Leben als schmerzhafter Konflikt zusammen. Es ist schwer, eine methodisch wie inhaltlich angemessene Form der Beschreibung eines extremen Lebens zu finden. Ernst Loewy ist dies geglückt. Die zwölf Jahre des „Dritten Reichs“ haben sich wie eine Art „Sintflut“ in sein Gedächtnis eingegraben. Vergangenheit und Gegenwart waren so weit auseinandergerissen, daß er sie wie zwei Welten empfand.

Die Beweggründe seiner Remigration hatten auch etwas mit dem „Grün der (deutschen) Wälder“ und der „Romantik alter Städte“, mit der „Sprache“ und den „Gefühlen“ zu tun. Gleichermaßen bedeutet für ihn heute die Erinnerung an das Stadtbild und die Landschaft von Jerusalem eine „Sinngebung“, die das Zusammenspiel von Zweckmäßigkeit, Mythos und Ästhetik suggeriert. Heute, nach Erfahrungen mit Hitler-Deutschland, mit dem Exil und mit beiden deutschen Nachkriegsstaaten, erklärt Ernst Loewy: „Ich bin Jude und – ich sage es zögernd – Deutscher ... ,Identität’ ... ist nicht ererbt, sie muß erworben werden ...“ Jedenfalls erscheint es ihm „ehrlicher“, sich zu einer „gebrochenen“ als zu einer „erzwungenen“ Identität zu bekennen.