Von Hanns Grössel

Victor Segalen, der französische Marinearzt, Reisende und Schriftsteller, hat die letzten zehn Jahre seines Lebens der Annäherung an China gewidmet. 1908 hatte er in Paris bei dem Sinologen Arnold Vissière den Mandarin-Dialekt erlernt; am 9. August 1909 brach er mit dem reichen Globetrotter und Schriftsteller Gilbert de Voisins von Peking aus zu einer sechsmonatigen Expedition durch Zentralchina auf.

Während der darauffolgenden Jahre bleibt Segalen mit seiner Familie in China; er bereitet eine zweite Expedition vor, für die er aus Paris ideelle und finanzielle Hilfe von Universitäts-Sinologen, in erster Linie von seinem Lehrer Edouard Chavannes, sowie vom Außen- und vom Marineministerium erhält. Archäologisches Hauptziel der Expedition, die am 1. Februar 1914 aufbricht und an der, außer Gilbert de Voisins, noch der Marineoffizier Jean Lartigue teilnimmt, sind Grabstätten und Grabplastiken der Han-Kaiser im Nordosten Chinas (200 vor bis 200 nach Christus).

Der Beginn des Ersten Weltkrieges setzt dem Unternehmen ein vorzeitiges Ende; Segalen wird nach Brest berufen, wo er im Marinelazarett Dienst tut. Allerdings kann er 1917 bei einer dritten, kürzeren Expedition noch zwölf jüngere Kaisergräber bei Nanking aufsuchen. Zwei Jahre später, am 21. Mai 1919, ist Victor Segalen in seiner bretonischen Heimat gestorben.

Zu den vielen verschiedenartigen Arbeiten, in denen er seine Erfahrungen in und mit China auswerten wollte, gehört eine Darstellung der chinesischen Großsteinplastik. Segalen hat daran während seiner letzten zwei Lebensjahre mit aller ihm verbleibenden Kraft gearbeitet, hat sie aber nicht abschließen können. Was davon ausgeführt war, hat 1972 und 1976 Segalens Tochter, Annie Joly-Segalen, in zwei getrennten Veröffentlichungen vorgelegt. Die erste ist inzwischen auf deutsch erschienen, illustriert mit Handskizzen Segalens und mit Photographien, die auf seinen Chinareisen entstanden sind.

Wie ein Blatt vom 17. April 1917 besagt, schwebte Segalen ein „von jeder Archäologie befreite(r) Text“ vor. Und im Vorwort erklärt er, sein Buch sei „kein zusammengetragenes Werk der Gelehrsamkeit, sondern das Ergebnis persönlicher Forschung“. Da in China erst um 1900 mit umfangreicheren Ausgrabungen begonnen worden war, stellt Segalens Buch ganz unvermeidlicherweise „ein Monument des prä-archäologischen Zeitalters in China“ dar, wie Vadime Elisseeff im Nachwort zur französischen Ausgabe feststellt.

Doch das Persönliche an Segalens Forschung ist anders gemeint; es steht auf eine persönliche Begegnung mit dem Fremden und Andersartigen, auf erotische Augenblicke des Findens und des Freilegens verschütteter und verhüllter Formen. „Wenn mit jedem Schlag der Spitzhacke ein Stück Erdummantelung mehr abfällt“, schreibt Segalen, „dann bekommt man das Gefühl persönlichen Besitzes, eines eigenen Werkes, so daß selbst die Beschreibung lange Zeit nachher zum erregenden, persönlichen Abenteuer wird.“ Forschung wird zur Selbsterforschung, und nicht von ungefähr hat Sigmund Freud bemerkt, die Arbeit des Analytikers zeige „eine weitgehende Übereinstimmung mit der des Archäologen, der (...) ein Bauwerk der Vergangenheit ausgräbt“.