Mit einem Besucherrekord ging die diesjährige documenta in Kassel zu Ende.

Meldung der Tagesschau am 20. September 1987, 18 Uhr. Das Bild zur Meldung: Papst Johannes Paul II. schreitet die Gangway eines Düsenflugzeugs hinab.

Das Neueste vom Bau

Zuerst die deprimierende Nachricht: Weil der Wissenschafts darauf bestand, wurde nun Gesetz, daß aus dem berühmten Genesungsidyll des Rudolf-Virchow-Krankenhauses in Berlin die Forschungsmaschine eines Universitäts-Klinikums wird. So droht den immer noch ansehnlichen Resten dieses menschenfreundlichen Alleen- und Pavillonsystems, das der Architekt Ludwig Hoffmann um die Jahrhundertwende errichtet hat, der totale Abriß – gegen den Aufschrei der Kundigen, sogar der Ärztekammer. – Die erleichternde Nachricht: Der Streit um den brüchigen Plenarsaal (nicht das Bundeshaus) in Bonn wurde jetzt juristisch geklärt. Der Saal darf durch einen neuen, vom Architekten Behnisch entworfenen ersetzt werden. Womit eine Partie Denkmalshysterie beendet ist. – Die komische Nachricht: Der trotz 1136 Plätzen beharrlich so genannte Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie kostet nicht 99, nicht 127, sondern 147 Millionen Mark, mindestens. Und es kann sein, daß das Eröffnungskonzert Ende Oktober in einer Baustelle erklingt. – Und endlich die gute Nachricht: Ulm darf das von dem Amerikaner Richard Meier entworfene, von allen Kennern jubelnd gepriesene, von den Alt-Ulmern hingegen beschimpfte Stadthaus nun tatsächlich bauen und damit das hundertjährige Debakel um den Münsterplatz und seine endlich gefundene Fassung beenden. Beim Bürgerentscheid am Sonntag stimmten 17 247 Ulmer für das schöne moderne Gebäude, 19 826 dagegen – laut Gesetz, das dafür ein Drittel aller Wahlberechtigten verlangt, waren das fast zweitausend Nein-Stimmen zu wenig. Also baut Richard Meier in Ulm, bekommt das Münster ein würdiges Pendant – und eines Tages, wer weiß, werden alle Ulmer es gebrauchen und lieben.

Schmutzfunk

Die Theatersaison, da sind sich sonderbarerweise fast alle Kritiker einig, hat ihren ersten Höhepunkt gehabt: „Parzival“ von Robert Wilson und Tankred Dorst im Hamburger Thalia. Und schon haben wir auch den ersten Tiefpunkt der Theaterberichterstattung: eine „Parzival“-Story im ,,Hamvinzpostille des NDÄ-Fernsehens. Da verirrte sich ein Reporter (Peter Mahr), der vom Theater hör- und sichtbar keine Ahnung hat, mit seiner Kamera in die „Parzival“-Proben – und entdeckte, was ein Reporter offenbar ständig entdecken muß: die Sensation und den Grusel. Kein Wort über Wilsons Arbeit, ihre Schönheit und Fragwürdigkeit. Dafür ein eifernder Klatschbericht über Wilsons Hauptdarsteller Christopher Knowles, der sogar ein übles Produkt des stern noch glatt unterbot.

Aus Parzival und dem Parzival-Darsteller macht Reporter Mahr kurzerhand eine Figur: Christopher Parzival. „Christopher spielt den Parzival, aber ohne ihn der unwissende, unschuldige Trottel, der nicht fragt, nicht weint und nicht weiß, was Leben und Tod ist“. Wer der Trottel ist, daran läßt „Kulturredakteur“ Mahr keinen Zweifel, die Indizien sind erdrückend: Erstens war Christopher Knowles auf einer New Yorker Behindertenschule, zweitens benimmt er sich auf einer Hamburger Vernissage „gleich schüchtern und tolpatschig wie auf der Bühne“, und drittens, sein schlimmstes Vergehen, gibt er auf die brisanten Fragen des Reporters Mahr („Wenn Sie von Ihrem Privatleben ausgehen, ist es dann möglich, daß Sie als Christopher sich mit der Person Parzival identifizieren können?“) keine den Reporter befriedigende Antwort. Woraus folgt: „Er begreift nichts, er weiß nichts, er versteht die Fragen nicht. Er kann mit den Menschen nicht in Kontakt kommen.“ Weil der Schauspieler nichts sagt, hat er sein Urteil selber gesprochen, und der Reporter kann in die Rolle des Psychiaters und Irrenwärters wechseln: „Sollte er vielleicht doch in die Klinik?“