Von Uta van Steen

Das erste Beben kam kurz nach Mitternacht. Wie erstarrt vor Schreck stehen die Uhrzeiger der alten Kathedrale an der Plaza de la Revolución immer noch auf 0 Uhr 20. Ein paar Minuten nur dauerte die Erschütterung, und Managua, die schöne Stadt, war nurmehr ein Haufen herumliegender Trümmer.

Das zweite Beben, sieben Jahre später, kam weder plötzlich, noch ging es schnell vorbei. Der nicaraguanische Diktator Anastasio Somoza Debayle flüchtete im Juli 1979 mit Gattin Hope, sämtlichem Bargeld und den flugs ausgegrabenen Leichen von Vater und Bruder in die tröstende Sonne Floridas. Zurück ließ er ein ausgeblutetes Land sowie drei Millionen einstige Untertanen. Und eine Revolution.

Nica libre. Freies Nicaragua: Grüngelb leuchtet der Drink mit dem neuen Namen im Glas. Flor de Cana Extra Seco, angeblich der beste Rum der Welt, mit einem Schuß Limonensaft. Und viel, viel Eis – ein angenehmer Willkommensgruß auf dem Flughafen Augusto Sandino für die Flugzeugladung Brigadisten, Journalisten und eines Gitarristen. Der Duty-free-Shop bleibt verwaist: Kein Mensch interessiert sich für Spielzeug-Kalaschnikows, überdimensionierte Mixer im Fünfziger-Jahre-Look und Cadbury Schokolade. Neugierig staunen die Verkäuferinnen den schwerbeladenen Brigadisten aus Italien hinterher, von denen nicht wenige Hämmer, Sägen und sogar Ziegelsteine Richtung Zoll schleppen. Irgendwann soll daraus einmal eine Schule im Norden des Landes werden.

Nicaragua ist ebenso grün und feucht wie sein revolutionärer Cocktail, nur wesentlich wärmer. Es ist Regenzeit in Managua. Graue Wolkenmassen hängen tief über den Tafelbergen. Gras überwuchert die Autowracks an den Straßenrändern, füllt die Schlaglöcher und kriecht über zerbrochenes Mauerwerk. Gnädig rankt sich Grün um kugeldurchlöcherte Straßenschilder und bedeckt die Trümmerlandschaft Managuas. Sieben Jahre nach der Flucht des Diktators, der gar nicht daran gedacht hatte, die Stadt am See wiederaufzubauen und die Hilfsgelder lieber auf seine New Yorker Konten überwies, wurde Rasen gesät. Nun liegt er wie ein grüner Verband über den schlimmsten Wunden. Kaum etwas war nach dem Erdbeben stehengeblieben, weder die schmutzigen Slums am gleichfalls dreckstarrenden See, noch die Wohnblocks der Mittelschicht. Auch nicht das Hotel „Nicarao“, dessen Platz heute das „El Pueblo“ einnimmt. Dessen offizielle Adresse: de donde fue el hotel Nicarao, una calle abajo (wo einst das Hotel Nicarao stand, eine Straße nach Westen).

Verzweifelt hält der irritierte Besucher Ausschau nach einem Orientierungspunkt. Und wählt wohl oder übel das „Interconti“, das – leider – stehengeblieben ist. Ein Architekt mit einem schneidenden Sinn für Humor und einem Faible für Ägypten muß dieses pyramidenförmige Betonmonster in die Mitte Managuas plaziert haben. Seither thront es dort ungerührt, im Nacken nur noch La Loma, Somozas einstige Machtzentrale und Bunker, der heute eine Kaserne ist.

„Wir werden wie durch ein Vergrößerungsglas betrachtet“, klagt Umberto Aliez vom Außenministerium, dessen schwarzes Poloshirt ein Playboy-Häschen ziert. Seitdem la bestia Somoza – oder Tacho, wie sein verständlicherweise bevorzugter Spitzname lautet – verjagt wurde, gerät der schmale Erdstrich zwischen Pazifik und Atlantik nicht mehr aus den Schlagzeilen der Weltpresse. Nicaragua ist, für Linke wie für Rechte, zu einem Symbol geworden.