Es gibt ihn nun, den fälschungssicheren Personalausweis. Der gute alte Graue, der noch einen Hauch von Individualität vermittelte, ist passé; man bekommt ihn nicht mehr verlängert. So ist sichergestellt, daß bald alle Bundesbürger im Besitz eines weiteren Stückes Kunststoff sein werden.

Daß dieser Ausweis diskriminierend für seinen Besitzer werden kann, daß eine bestimmte Gruppe von Menschen dafür unzumutbare Prozeduren auf sich nehmen muß, so weit hat niemand gedacht. Denn die, die das betrifft, sind eine Minderheit, die nicht zählt. Es zeigt sich wieder einmal, daß behinderte Menschen im Bewußtsein staatlicher Organe, auch derer, die diesen Ausweis austüftelten, kaum vorkommen.

Es zählte, daß nun bei Kontrollen sekundenschnell, und zwar elektronisch (falls nicht gerade der Strom ausgefallen ist), ermittelt werden kann, ob der Besitzer des Ausweises auch tatsächlich der ist, der er ist, und nicht etwa ein Terrorist. Mit dem guten alten Personalausweis hätte er das ja ohne weiteres sein können, was die Polizei aber nicht hätte feststellen können, weil sich der Computer nur auf den neuen Ausweis versteht. Glaubt man den Experten, wird der neue Ausweis das Problem des Terrorismus’ lösen. Da die Terroristen in Zukunft keine Ausweise mehr fälschen können, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ebenfalls Ausweise für sich zu beantragen und – schwupp, dann hat man sie endlich.

Wer es schon hat, das fälschungssichere Stück Kunststoff, weiß, wie die Prozedur abläuft. Beim Empfang muß man seine Unterschrift in den von einer Schablone übriggelassenen Raum quetschen. Mit der Freiheit, seinen „Friedrich Wilhelm“ schwungvoll auf das Dokument zu setzen ist es vorbei und die Unterschrift, die bei der komplizierten Übung herauskommt, gleicht in der Regel nicht dem normalen Schriftbild. Die Frage drängt sich auf, wozu überhaupt eine Unterschrift, wenn diese der gängigen sowieso nicht entspricht?

Ist man aber nicht fähig, den Ausweis mit seiner Unterschrift zu versehen, und dafür kann es viele Gründe geben (man muß ja nicht gleich ein Analphabet sein, obwohl deren Zahl auch in unserer Gesellschaft ständig zunimmt), dann wird amtlicherseits ein Strich in den vorgesehenen Raum für die Unterschrift gezogen. Dieser Strich heißt für die kontrollierenden staatlichen Organe: Aha, Besitzer kann nicht schreiben. Was dann in den Köpfen der Kontrolleure vorgehen mag, kann man sich lebhaft vorstellen. Vor allem ist nicht auszuschließen, daß es deren Verhalten negativ bestimmt. Wie wird es sich auf die Gruppe von Menschen mit einer mehr oder weniger schweren geistigen Behinderung auswirken? Viele unter ihnen haben nach langem intensiven Bemühen gelernt, ihren Namen – wenn auch in der Regel recht groß, etwas ungelenk, aber dennoch leserlich – zu schreiben. Sie werden den Transfer in die Schablone nicht fertigbringen. Noch schwieriger: die Unterschrift kann nur noch bei der ausstellenden Behörde geleistet werden. Schwerer behinderte Menschen, die einen Personalausweis hatten, ohne beim Amt gewesen zu sein, müssen sich jetzt zum Amt karren lassen. Es genügt, sich die Situation vorzustellen, um zu wissen, zu welchen Szenen es dabei kommen kann.

In Hessen war es nach Einführung der Behindertenausweise in Verhandlungen mit dem Landessozialamt gelungen, die Rubrik Unterschrift aus dem Ausweis ganz zu verbannen. Im Blick auf den Personalausweis wird das kaum gelingen. Die Diskriminierung „kann nicht schreiben“ wird bleiben, selbst wenn der oder die Betreffende es kann, nur nicht in der vorgesehenen Weise. Mustermann und Amtsschimmel lassen grüßen.

Helmut E. Thormann