Von Sibylle Thelen

Das erste Erlebnis auf türkischem Boden nach ihrer Rückkehr aus Deutschland ist der 17jährigen Hediye in die Glieder gefahren: „Ich habe dem Beamten bei der Paßkontrolle das Einreiseformular, das ich auf der internationalen, nicht auf der türkischen Seite ausgefüllt hatte, gegeben. Da schrie mich der Beamte an, ich solle die türkische Seite beschriften, ich sei sonst keine richtige Türkin ...“

„Ihr seid keine richtigen Türken, ihr seid Deutschländer. Wir wollen euch hier nicht“, solche Sätze bekommen türkische Jugendliche, die in ihre türkische Heimat zurückgekehrt sind, oft zu hören, wenn ihnen die Anpassung an den veränderten Alltag nicht sofort gelingt. Tausende von Rückkehrerkindern, die nun in der Türkei zur Schule gehen oder einen Arbeitsplatz suchen, kämpfen mit ähnlichen Problemen wie Hediye: Sie fühlen sich als Ausländer im eigenen Land.

Hediye, die mittlerweile seit zwei Jahren in der Türkei lebt, fühlt sich immer noch fremd. Anfangs hatte sie sich gegen alles gestemmt, was ihre persönliche Freiheit und ihr Privatleben zu beeinträchtigen drohte. Sie trug weiter die verwaschenen Jeans, frisierte ihren Bubikopf mit Gel, legte buntes Make-up auf. Mit Absicht kam sie abends später nach Hause als die Nachbarmädchen, gab dem Vater widerborstig Kontra, ließ bei jeder Gelegenheit die entgeisterte Verwandtschaft wissen: Ich werde heiraten, wen ich will. So plötzlich konfrontiert mit den strengen Bräuchen ihrer türkischen Heimat, versuchte sie, einen Rest des Individualismus zu behaupten, den sie sich in zehn Jahren Almanya erworben hatte.

Hediyes Kampflust währte nur wenige Monate, dann war sie erschöpft, schließlich deprimiert. Heute gibt sich die Siebzehnjährige gefaßt, mit leiser Stimme sagt sie: „Hier gehöre ich nicht her.“ Ob sie denn nach Deutschland gehöre? Sie zuckt mit den Schultern. An eine Hauswand in ihrem Dortmunder Viertel, antwortet sie, habe ein Unbekannter „Ausländer raus“ geschrieben.

Der kulturelle Zwiespalt, in dem Hediye seit zwei Jahren steckt, ist abgrundtief. Man verlangt von ihr, Normen zu akzeptieren: Mädchen sprechen in der Öffentlichkeit nicht mit Jungen, Frauen blicken Männern nicht offen ins Gesicht; Jüngere küssen Respektspersonen die Innenflächen der Hand. Kinder mucken nicht auf, wenn ihre Eltern für sie Heiratspläne schmieden.

Mit solchen als autoritär empfundenen Verhaltensregeln und Zwängen machen die Jugendlichen meist erst nach Rückkehr in die Türkei Bekanntschaft. Unter den Augen der Nachbarn kann der beschützende Hort Familie, den die Jungen und Mädchen aus Deutschland kannten, zum Gefängnis werden. Selber unter dem Druck, nicht anerkannt zu werden, zwingen die türkischen Eltern ihre Kinder in die totale Integration, geben sich noch traditionsbewußter als die Umgebung.