Was Sie Chaos nennen, ist unsere wichtigste Resource“, entgegnet der finnische Gesprächspartner dem amerikanischen Journalisten Timothy Taylor, der im Jahre 2006 eine Europareise unternimmt. Damals, im Jahre 2006, war alles etwas anders als heute: In Frankreich hatte sich ein GAU ereignet, in dessen Folge die Weinberge an der Rhône unbrauchbar geworden waren; die deutsch-deutsche Annäherung war soweit fortgeschritten, daß die Berliner Mauer als Kulturdenkmal und zugleich als Biotop unter Schutz gestellt werden mußte; die amerikanischen Besatzungstruppen waren abgezogen worden, und quasi zum Ausgleich dafür war Bukarest einer trügerischen Variante des american way of life zum Opfer gefallen. Etwas anders als heute also sah Europa aus, aber eines hatte sich nicht verändert: das europäische Chaos. Timothy Taylor ist niemand anderes als Hans Magnus Enzensberger, und diese Reise ins Jahr 2006 ist die Fortsetzung und der Abschluß jener berühmten Länderreportagen, die Enzensberger in den, ZEIT veröffentlicht hat. Die Taten des vielgewanderten Mannes, der vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat: nun sind sie gesammelt in diesem Buch. In Schweden und Italien war er, in Ungarn und Portugal, in Norwegen, Polen und Spanien. Er recherchierte wie ein Journalist, er sprach mit Leuten aus Wirtschaft und Politik wie ein Botschafter, er grub in den Fundamenten der Gesellschaft wie ein Archäologe, er schrieb das alles auf, und es war spannend und zugleich informativ, amüsant und zugleich scharfsinnig, und es hatte diesen typischen Enzensberger-Sound, diese Mischung aus Ernst und Spott, aus Kritik und Sympathie.

Was als Serie in der ZEIT begann, ist nun ein dickes Buch geworden, eine Besichtigung jenes Kontinents, den Europa zu nennen wir allmählich müde sind. Denn der Begriff weckt die Erinnerung an eine in Mißkredit geratene Utopie, an Streit, Kompetenzwirrwarr, an Butterberge und Weinpanschereien, aber Enzensberger zeigt uns: Europa lebt als schönes Chaos. DZ

  • Hans Magnus Enzensberger: „Ach, Europa!“

Wahrnehmungen aus sieben Ländern, mit einem Epilog aus dem Jahre 2006; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1987; 501 S., 38,– DM