Von Martin Korol

Ich unterrichte seit 16 Jahren. Die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen (Koll.) sind, wie ich, um die 40 – „in den besten Jahren“ hieß das früher. Allein, wir sind müde. Zurückgezogen haben sich die Koll., ohne die vor Jahr und Tag die GEW-Betriebsgruppe weder tagte noch in der Gesamtkonferenz agierte. Wir haben dazugelernt und abgebaut. Dabei laufen wir Gefahr, nach deutscher Art von einem Extrem ins andere zu fallen, von der Aktion in die Resignation.

Den Vormodernen die Schule und Familie nicht zu überlassen, ist immer noch überwiegende Meinung unter den Koll., wenigstens in der GEW. Wir blieben erfolglos, würden wir nicht zuallererst selbstkritisch Bilanz ziehen, ohne dabei in Schuldgefühlen zu versinken; nur so können wir aus unseren Fehlern lernen. Beides will ich skizzieren.

In der Juninummer 1985 unserer ungewöhnlich gut gemachten Gewerkschaftszeitung, der Bremer Lehrerzeitung, gestand zum Thema „Aussteiger“ die Kollegin und Schriftstellerin Elfi Hartenstein öffentlich einen Gesinnungswandel ein: „Ich darf es für die Zeitung hier eigentlich nicht sagen, aber ich gehe kaum mehr zu GEW-Sitzungen.“ Oder: „Ich mache jetzt eine andere Pädagogik und lege mehr Wert auf die Qualifikation der Schüler. Ich lasse es nicht mehr zu, daß Schüler total nach dem Lustprinzip auftauchen oder nicht. Ich sage denen auch: ‚Wenn ich hierherkomme, um zu arbeiten, dann will ich auch arbeiten und nicht immer nur Tee trinken oder über Befindlichkeit sprechen.“

Damit hatte die Bremer Lehrerzeitung, soweit ich sehe, zum ersten Male seit wenigstens 15 Jahren Ansichten veröffentlicht, die fernab der sonst auf kämpferisch getrimmten Linie lagen. Allerdings sind solche Sätze nur dort selten. Wo man sich nicht in die Tasche lügt, in der großen Pause oder auf dem Kollegiumsausflug, sind sie selbstverständlich.

Den Glauben, Schule und Welt seien durch Geld und gute Worte veränderbar, haben wir verloren. „Wir“, damit meine ich mich und die anderen rund 10 Prozent der Studenten, Referendare und Junglehrer, die sich ab 1967 für rund zehn Jahre der Illusion hingaben, die verrotteten Christen, verspießerten Sozialdemokraten und korrumpierten Liberalen seien letztlich doch vernünftige Wesen. Der Kreuzzug ging von der Schule aus. Wir hielten uns für den Gipfel der Aufklärung. Wir berauschten uns an großen Worten und bauten Luftschlösser, deren Baukosten zu berechnen wir den „Technokraten“ überließen. Heute backen wir kleine Brötchen, und das Komma steht wieder im Frack. „Nichts ist unmöglich“, verspricht heute nur noch Toyota, „Revolution“ macht nur der AX von Citroën.

Die meisten Eltern, Lehrer und Sozialpädagogen um die 40 haben sich, deutlicher noch als ihre ehemaligen Klassenkameraden in anderen Branchen, von der Welt- und der Kommunalpolitik enttäuscht, ins Private zurückgezogen. Vielen gelingt es, zusammen mit anderen, Schule und Familie zu organisieren, so daß sie nicht jeden Morgen wieder bei Null anfangen, sondern wenigstens den Vorschein einer Sinnhaftigkeit ihres Tuns erahnen. Einige verzehren und verbrauchen sich und bieten der nachfolgenden Generation vielfach nur noch dieselbe Flucht und Irritation an.