Von Otto A. Böhmer

Erst wenn der Wille ins Spiel kommt“, notierte der Philosoph Arthur Schopenhauer einmal, „ist der Mensch wirklich dabei: jetzt wird er wann, ja, es geht oft heiß her.“ In Schopenhauers eigenem Leben, das er sich zugerichtet und ausgepolstert hatte wie eine Planstelle für höhere Aufgaben, ging es allerdings nicht sonderlich heiß her: Beizeiten schon hauste er sich ein in eine komfortable Schattenboxer-Existenz, in der er alles in einem war: Veranstalter, Ringrichter, Sekundant – und, solange das Publikum nicht erschien, sehr gerne auch zahlender Zuschauer, der für die Akklamationen zu sorgen hatte. Schopenhauers Leben war eine einzige abenteuerlichnichtssagende Mutprobe, die er, der Meister, letztlich doch noch mit unnachgiebiger Bravour überstand; als alles entschieden war, durfte er abtreten und den immer zahlreicher werdenden Gedankenverwaltern das als Bauland ausgewiesene Verständnisfeld überlassen. Wohl kaum einen anderen Philosophen des 19. Jahrhunderts haben die Exegeten so systematisch und bekennerhaft-treu in die Verwaltung genommen wie ihn, den belächelten und spät-geschätzten Philosophen, dem nicht nur die Bekenner nachstiegen, sondern auch Karikaturisten und die Flaneure im unverminten Gelände.

Wer er war, Schopenhauer, was er dachte und wollte, glaubt man heute zu wissen; das ist, im Systematischen und in der Registratur des Gewesenen, vor allem auch das Verdienst eines Mannes, des (1985 verstorbenen) Schopenhauer-Forschers Arthur Hübscher, der unglaublich viel über Leben und Werk seines Philosophen zusammentrug und es zudem in verständiger Weise weiterzugeben wußte. Wer unter diesen Vorzeichen sich anheischig macht, eine neue und keineswegs dünnleibige Schopenhauer-Biographie vorzulegen, muß schon kühn sein und einiges zu bieten haben.

Rüdiger Safranski, der diese Kühnheit hat und sich eines Philosophen annimmt, der zu den bestausgeleuchteten der gesamten Denkerzunft zählt, hat sich seiner Aufgabe, die weit mehr ist als die Bewältigung einer der Samuel- und Interpretierwut verpflichteten Fleißarbeit, bestens entledigt. Sein Buch „Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosophie“ wird (bis auf weiteres) die Schopenhauer-Biographie unserer Zeit sein, da ihr gelingt, was zuvor ab fast vergebliches Unterfangen erscheinen mußte – Schopenhauer nämlich hinwegzulocken aus den Asservatenkammern seiner selbstredend-vereidigten Sachwalter, die der Sache ihres Philosophen dienten wie betagte Beamten des mittleren metaphysischen Sicherheitsdienstes. Safranski – er vollbrachte dieses Kunststück schon mit seinem (1984 erschienenen) Buch „E.T.A. Hoffmann; Das Leben eines skeptischen Phantasten“ – kommt uns als Biograph nicht wie der Diener seines Herrn daher; den Philosophen bittet er aus der Gruft und überredet ihn zu einem Spazier- und Gesprächsgang im Freien. Dort werden wir Zeuge seiner ungebrochenen Vitalität.

Schopenhauer, so zeigt sich, ist ein moderner Philosoph, der seiner Zeit nicht nur voraus war. Als sei er der Fahrdienstleiter jener vielen Eulen der Minerva, die der von ihm so wenig geschätzte Kollege Hegel immer erst in der einsetzenden Dämmerung auf die Reise zu schicken wagte, erschrieb er in Sprachbildern von zeitloser Eindringlichkeit ein schier unvergängliches Weisheitskompendium, aus dem gerade die desillusionierten Heutigen nur zu gern wieder Reflexionsnahrung beziehen. Die Jahre, in denen Schopenhauer – erfolglos zunächst und eher einem Bestattungsunternehmer ähnelnd, der sich in den Herbergen des Ewigen Lebens auf Kundensuche begeben muß – um Resonanz stritt für seine Philosophie, waren tatsächlich so etwas wie „die wilden Jahre der Philosophie“, – und insofern kann auch der Untertitel von Safranskis Buch als trefflich gewählt erscheinen. Die wilden Jahre: Sie waren, rückblickend verklärt und von den kalten Höhen des Gegenwärtigen beäugt, auch die schönen Jahre der Philosophie: „Was es einmal gab: Gott und die Welt denken, mit heißem Herzen. Das große Staunen darüber, daß etwas ist und nicht Nichts ... Die ,wilden Jahre der Philosophie‘: Kant, Fichte, Schelling, die Philosophie der Romantik, Hegel, Feuerbach, der junge Marx..“ Und eben Schopenhauer: „Die ‚wilden Jahre der Philosophie‘ ignorierten diese Philosophen des ‚Heulens und Zähneklapperns‘ und der uralten Kunst des kontemplativen Lebens, das zur Ruhe kommen will. Sie ignorierten einen Philosophen, der... die drei großen Kränkungen des menschlichen Größenwahns zusammen- und zu Ende gedacht hat. Die kosmologische Kränkung: Unsere Welt ist eine der zahllosen Kugeln im unendlichen Raum, auf der ein ‚Schimmelüberzug lebender und erkennender Wesen‘ existiert. Die biologische Kränkung: Der Mensch ist ein Tier, bei dem die Intelligenz lediglich den Mangel an Instinkten und die mangelhafte organische Einpassung in die Lebenswelt kompensieren muß. Die psychologische Kränkung: Unser bewußtes Ich ist nicht Herr im eigenen Haus ...“

In der Tat: Schopenhauer war ein Vordenker, der – gegen einen auch damals schon eindrucksvoll vor sich hin bramarbasierenden Zeitgeist – in vielem recht behalten sollte; erst ab die Nachhut auftauchte, das Hauptfeld war lang schon entschwunden, schloß man auf zu dem Philosophen, dem es zeit seines Lebens vorzüglich gelang, sein Selbstwertgefühl in einer hauseigenen Sicherheitszone zu belassen. Dort blieb er speziell für die so gern und so oft geschmähten Philosophieprofessoren, diese trägen „Unsinnsschmierer“, „elenden Wichte“ und „Kopfverderber“, nahezu unerreichbar und konnte sich selber bei Laune halten. „Die Kälte und Nichtbeachtung, mit der man mich aufnahm“, so Schopenhauer, „hätte mich vielleicht an allem, was ich je angestrebt, und an mir selber irre machen können: aber zum Glück hörte ich zugleich die Posaune des Ruhms das ganz Wertlose, das handgreiflich Schlechte, das Sinnleere als trefflich, ja als den Gipfel menschlicher Weisheit verkünden, und nun war ich sogleich orientiert und gänzlich beruhigt...“

Rüdiger Safranski widmet sich der Lebensgeschichte seines Philosophen im Stile eines versierten Erzählers; seine Schopenhauer-Biographie ist, das soll die Fachgelehrten nicht schrecken, auch ein literarisches Buch, das sich gleichwohl bestem philosophischen Wissen verdankt. Wer Schopenhauer liest – das bringt Safranski uns auf durchaus listige Weise nahe wird zu einem Desillusionismus gebracht, dem die Derbheit der Schwermut nicht fremd ist, aber noch weniger eine überaus widerstandsfähige „Heiterkeit des Sinnes“. „Man kann“, befand Fontane nach seiner Schopenhauer-Lektüre, den „Pessimismus auch ... auf Heiterkeit abrichten. Mehr, man kann auch wirklich wieder heiter dabei werden ...“