Von René Drommert

An Marc Chagalls Brutalität, an seinen gelegentlichen wilden Ausbrüchen ist längst nicht mehr zu zweifeln. Schon der Amerikaner Sidney Alexander hatte in seiner Biographie berichtet, Chagall habe eine Malerin „buchstäblich zur Verzweiflung getrieben“. Und der Biograph fährt fort: „Er ritt sie richtiggehend in Stücke.“

Die Engländerin Virginia Haggard, die zunächst seine Schülerin, dann seine Geliebte war, ihm den Sohn David gebar, erzählt von einer ähnlichen Episode: „Mit seinen Fäusten schlug er mich zu Boden.“ Das war gegen Ende der Beziehung zwischen dem berühmten, mit großen internationalen Auszeichnungen geehrten Maler und der Engländerin.

Die Faustschläge prasselten aus Eifersucht oder auch aus gekränkter Eitelkeit: Virginia, die er, den Namen russifizierend zuweilen „Virginitschka“ nannte, hatte ihn verlassen und sich einem belgischen Photographen zugewandt. Es fällt jedenfalls auf, daß er, der seine erste Frau Bella nie vergessen hat, bereits vier Monate nach dem Zerwürfnis mit Virginia wieder heiratete: Valentina Brodsky.

Virginia Haggards Buch ist unter anderem durch ihre ganz vortreffliche Fähigkeit ausgezeichnet, die sieben glücklichen Jahre mit Chagall nicht unter dem Aspekt der späteren Verbitterung und Distanzierung zu schildern – und die Phase der Entfremdung nicht unter dem sonst dominierenden Aspekt der frühen Jahre.

Völlig verstört ist sie gewesen, daß Marc, als er von ihrer Schwangerschaft (und seiner Vaterschaft) erfuhr, das Kind zunächst abgelehnt habe. Marc war während der Geburt seines Sohnes nicht bei Virginia. Er selber schrieb in seiner Autobiographie „Ma vie“, daß er das schrille Geschrei eines Babys nicht ertragen könne ... Erst zwei Monate nachdem David das Licht der Welt erblickt hatte, erblickte er den eben heimgekommenen Vater. Später wurde der Vater sogar übermäßig stolz auf das Kind.

Zwischen Virginia und Marc bestand ein Altersunterschied von dreißig Jahren. Als sie sich 1945 in Paris kennenlernten, war er 58, sie 28. Keine quantité négligeable muß es aber gewesen sein, daß für ihn, wie sie notiert, „Engländer überhaupt nicht faßbar“ gewesen seien. Auch in Amerika, wo beide längere Zeit lebten, hat er nicht Englisch gelernt. Und Französisch schrieb er, wie er sich selber einmal ausdrückte, „wie ein russisches Ferkel“. Abgestoßen hat die Engländerin auch immer wieder Chagalls Habsucht, die als „Streben nach materieller Sicherheit“ zu bezeichnen geradezu eine Verniedlichung bedeutet.