Von Rob Kieffer

Das Studiotelephon klingelt. Am anderen Ende der Leitung meldet sich „Columbo“. Via Kurzwelle grüßt er den „Boxer“ in Zelle 202 der Brüssler Anstalt Forest: „Hoffentlich hast du die Meuterei vergessen“, tröstet „Columbo“. „Laß den Kopf nicht hängen. Nächste Woche komme ich dich mit Mama besuchen. Wir werden dir Bücher mitbringen, damit du Englisch lernen kannst. Die ,Sirene‘ wartet sehnsüchtig auf deine Freilassung. Bestell auch dem ,Nigerianer‘ Grüße von mir. Tschau .. .!“

Seit Anfang September in den renovierungsbedürftigen und hoffnungslos überfüllten Brüssler Gefängnissen Forest und Saint-Gilles Häftlinge ihre Zellen in Brand steckten, Kleinholz aus dem Mobiliar machten und sich blutige Gefechte mit Wärtern und Polizei lieferten, verzeichnet „Radio Passe-Murailles“, seit sieben Jahren die ausgefallenste und populärste Sendung des freien Privatrundfunks Air Libre Hochkonjunktur.

An diesem Sonntagabend telephonieren pausenlos Angehörige und Freunde, die über den Radiosender zu einsitzenden Familienmitgliedern oder Bekannten sprechen wollen. Sonntags sind keine Besuche gestattet, und in den beiden Anstalten, nur einige hundert Meter vom Standort des 100-Watt-Senders entfernt, laufen die Transistorradios jetzt auf voller Lautstärke, damit auch jene Zellennachbarn, die kein Rundfunkgerät besitzen, alles mitbekommen.

Die Moderatorinnen von „Passe-Murailles“, was sinnigerweise „über die Mauer klettern“ heißt, wühlen schwitzend in einem Stapel von etwa 80 Briefen, die während der sechsstündigen Sendung alle vorgelesen werden, ungekürzt, unzensiert. Häftlinge grüßen ihre Familien und umgekehrt; Nachrichten werden an Mitgefangene übermittelt, die auf anderen Stockwerken oder in anderen Gebäudeflügeln untergebracht sind.

Die Revolte, die 150 Verletzte und einen Toten forderte, ist nach wie vor Hauptthema. „Gol hat ein Spatzenhirn in einem Elefantenkopf“, schreibt ein gewisser Serge. Auch in anderen Hörerbriefen wird Justizminister Jean Gol mit nicht gerade schmeichelndem Vokabular bedacht. Belgiens rund 7000 Zuchthäusler nehmen ihm übel, daß er für die ausgelieferten englischen Hooligans nach eigener Aussage „humanitäre, vorteilhafte Haftbedingungen“ geschaffen hat, von denen sie selbst nur träumen können.

Hat der Rundfunk aufgewiegelt