Von Hans Haltmeier

Mit dem Stich eines Skalpells in die Ferse wird das gerade noch sanft schlummernde Baby aus dem Schlaf gerissen. Während die Krankenschwester schon routiniert ein paar Tropfen Blut aus der kleinen Wunde preßt und auf eine Untersuchungskarte tupft, ziehen sich die Augenbrauen des traktierten Kindes zusammen. Seine Lider sind fest zusammengepreßt, die Lippen treten hervor und der Mund öffnet sich mit zitterndem Unterkiefer, läßt die kräftig eingerollte Zunge zum Vorschein kommen. Was jeder ahnt, wird nach drei Hundertstelsekunden wahr: mit großer Lautstärke erschallt ein herzzerreißendes Weinen in dem sterilen Untersuchungsraum.

Wohl niemand wird sich, bei dieser Mimik und dem ergreifenden Gebrüll, des Eindrucks erwehren können, daß ein Kleinkind Schmerz verspürt. Daß sein mitleiderregender Gesichtsausdruck wichtige Informationen über das Schmerzempfinden enthält, konnten kanadische Forscher jetzt in einer detaillierten Studie erstmals nachweisen.

Bislang war es traditionelle Anschauung bei Medizinern, daß Früh- und Neugeborene lediglich eine geringe Schmerzwahrnehmung besäßen. Zwar ist seit langem bekannt, daß Neugeborene, ebenso wie Erwachsene, bei schmerzhaften Erlebnissen mit vegetativen, also unbewußten Reaktionen wie erhöhtem Blutdruck und Puls, Hormonausschüttung und Schwitzen reagieren. Selbst das noch ungeborene Kind, der Fötus, zeigt schon deutliche Abwehrbewegungen bei der Konfrontation mit einer Injektionsnadel.

Beobachtungen, nach denen Kleinkinder Schmerzerlebnisse schnell wieder vergessen, Schmerzen schlecht lokalisieren können und bei kleineren Eingriffen oft nur schwache Gegenwehr leisten, führten bei Anästhesisten jedoch zu der – neuerdings heftig umstrittenen – Annahme, Schmerz werde einem Kind kurz vor und nach der Geburt noch nicht bewußt. Die Folge: das vermeintliche Risiko einer Schmerzbetäubung wird häufig höher eingeschätzt als dessen Notwendigkeit. Professor Klaus Riegel von der Universitäts-Kinderklinik in München bezieht Gegenposition: „Neugeborene sind genauso schmerzempfindlich wie Erwachsene.“ Die pädiatrische Anästhesie, wie die Schmerzbetäubung in der Kinderheilkunde offiziell bezeichnet wird, steckt jedoch noch in den Kinderschuhen, gleicht, nach den Worten der Londoner Neurobiologin Marie Fitzgerald, „mehr der Veterinärmedizin“.

Worin gründet diese Ignoranz angesichts der immensen Fortschritte, die die Schmerzforschung bei Erwachsenen erbracht hat? Schmerz, diese „unangenehme sensorische oder emotionale Empfindung“, wie die International Association for the Study of Pain (IASP) ihn umschreibt, ist in seinem Wesen subjektiv. Selbst Erwachsene haben große Schwierigkeiten, ihn sprachlich zu formulieren oder durch den Vergleich mit bereits erfahrenen Schmerzen einzuordnen: Schmerzt eine Injektion mehr als ein Mückenstich, ein Messerschnitt mehr als heißes Wasser? Bei Kleinkindern mit ihren begrenzten Ausdrucksmöglichkeiten wird die Bestimmung von Schmerzintensitäten unmöglich. In der Regel ist es der Arzt, der aufgrund persönlicher Erfahrung(en) den Schmerz des behandelten Kindes beurteilt.

Aus diesen Gründen war die Wirkung von Anästhetika beim Säugling bislang nicht zu ermitteln. Man verzichtete entweder ganz darauf, oder verließ sich bei ihrer Dosierung auf grobe Schätzungen. Erst in den achtziger Jahren begann man damit, die bekannten vegetativen Schmerzreaktionen beim Säugling zu untersuchen – mit mäßigem Erfolg, denn sie erwiesen sich allesamt als unzuverlässige Instrumente zur Schmerzmessung. Am verläßlichsten scheint jedoch der Gesichtsausdruck des Kindes den schmerzenden Eindruck wiederzugeben. Die kanadischen Wissenschaftler Ruth Gronau und Kenneth Craig (Zeitschrift PAIN, Band 28, 1987) filmten die Gesichter zwei Tage alter Kinder während routinemäßiger Blutentnahmen.