Tschernobyl-Folgen
Becquerel im Veredelungsverkehr
Neuer Verdacht über den unkontrollierten Import radioaktiv belasteter Molke in die Bundesrepublik / Von Herbert Schäfer
Wochenlang pendelten der japanische Journalist Kiyoshi Nanazawa und sein Kamerateam aus Tokio zwischen einem Dutzend Drehorten in der Bundesrepublik hin und her. Sie rekonstruierten den Werdegang jener fünftausend Tonnen mit Cäsium verstrahlten Molkepulvers, die seit nunmehr neun Monaten bei der Bundeswehr im niedersächsischen Meppen und im bayerischen Feldkirchen lagern. Daß sie den deutschen Steuerzahler bereits einige Millionen Mark kosteten, hielt das Team zunächst für einen schlechten Scherz.
Nanazawa wundert sich wie viele seiner Landsleute, warum die Deutschen die Strahlenmolke von Meppen und Feldkirchen - mit erheblich weniger Kosten und Aufregung - noch nicht längst in irgendeinem ausgedienten Bergwerksstol^en endgelagert haben, sondern daß sie mit Hilfe eines Spezialverfahrens aus der mit bis zu achttausend Becquerel pro Kilo belasteten Fracht neues Viehfutter zaubern wollen.
Der Fernsehfilm stellt deshalb den von Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) vorgesehenen Ort des Geschehens vor: das stillgelegte Atomkraftwerk in Lingen im Emsland, wo die heiße Ware entseucht werden soll. Das, so meint Kiyoshi Nanazawa bei seinem Abflug in die Heimat, sei die Pointe in seinem Report über den Molkeskandal. Mehr sei wohl nicht drin.
Er hat sich geirrt. Hinter dem Skandal könnte noch weit mehr stecken, als bisher angenommen wurde.
Erstmals gibt es jetzt Hinweise, nach denen cäsiumversetzte Molke über längere Zeit in beträchtlichen Mengen aus dem Ausland in die Bundesrepublik importiert und dort für Lebensmittelzwekke verarbeitet worden sein könnten. Als Hauptumschlagplätze gelten Baden-Württemberg und Bayern. Von dort wird aus Molke gewonnener Milchzucker (Lactose) unter anderem für Diätund Kleinkindernahrung hauptsächlich nach Österreich ausgeführt, das selbst über keine nennenswerte Milchzuckerindustrie verfügt und insofern von seinen Nachbarn im Norden abhängig ist. Aus dem zweiten wichtigen Molkegrundstoff, dem Eiweiß, produzieren die deutschen Finnen eine bunte Warenpalette für die inländische Pharmaund Lebensmittelwirtschaft sowie für Esporte in praktisch sämtliche Industrieländer der Welt.
Eine Schlüsselrolle in diesem internationalen Geschäft, das branchenintern „Veredelungsverkehr" genannt wird, spielen die Österreicher. Tagtäglich rollen ihre Tankwagen mit eingedickter Molke nach Deutschland. Freilich haben weder schwäbische noch bayerische Kontrollbehörden die Öffentlichkeit über mögliche Überschreitungen amtlicher Grenzwerte für Radioaktivität bei der Aufbereitung importierter Molke informiert.
Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die Aussagen des Referatsleiters für Agrarwesen bei der Salzburger Landesregierung, Karl Mayr, der die Entschädigungsanträge der Milchwirtschaft für entgangene Umsätze nach Tschernobyl bearbeiten mußte. Er schilderte, wie seine Behörde das Cäsiumproblem anging: Wegen erhöhter Strahlenbelastung der Milch durch Heu aus dem Vorjahr sei noch im Mai die Belastung der bei der Käseproduktion anfallenden Molkebrühe derart gestiegen, daß sie - unter Berücksichtigung der amtlichen Grenzwerte für Cäsium 134 und 137 - „nicht für die Viehfütterung tauglich" war.
- Datum 6.11.1987 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 06.11.1987 Nr. 46
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