Düsseldorf

Wenigstens in einem Punkt sind sich die beiden Kontrahenten einig: „Im Bereich Recht und Kunst ist noch sehr wenig geregelt“, sagt der Rechtsanwalt des Klägers, Jürgen Binder, in einer Verhandlungspause zu seiner Gegenspielerin Renate Schwarz, Verteidigerin des Beklagten, als beide im Flur vor dem Saal R 157 beisammen stehen. Frau Kollegin kann dem nur zustimmen. Drinnen allerdings, vor der Zweiten Zivilkammer des Düsseldorfer Landgerichts, prallen die Auffassungen sowohl von Recht wie von Kunst um so unversöhnlicher aufeinander. Dabei herrscht, wie sich das für kultivierte Menschen geziemt, ein höchst gesitteter Ton; Selbst als sich Anwalt Binder einmal fürchterlich erregen muß, ist ein leises „Grotesk!“ das Äußerste, wozu er sich hinreißen läßt.

Der Vorsitzende der Kammer, Richter Wolfgang Volker, faßt den Fall noch einmal zusammen: Kläger ist Johannes Stüttgen, ein „Meisterschüler“ des verstorbenen Joseph Beuys. Beklagter ist das Land Nordrhein-Westfalen. Stüttgen verlangt vom Land 50 000 Mark Schadensersatz für ein Kunstwerk, das ihm der Meister einst schenkte.

Im Raum 3 der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf, der Beuys als Atelier und Alma mater seiner „Freien Internationalen Universität“ überlassen worden war, hatte der Künstler im April 1982 eine Skulptur aus fünf Kilogramm deutscher Markenbutter angebracht – die sogenannte „Fettecke“, wie sie nur noch genannt wird. Noch am Tag ihrer Entstehung habe Beuys das Werk vor Zeugen seinem Schüler Stüttgen geschenkt. In der Folgezeit diente das Fett-Dreieck „als ständiges Demonstrationsobjekt“ in Seminaren und für Besucher. Nach Beuys’ Tod im Januar 1986 sei der Raum 3 dann kaum noch benutzt worden. Der Raum verwahrloste. Putzfrauen der Kunstakademie wurden schließlich angewiesen, ihn zu säubern. Am 9. Oktober vergangenen Jahres machte Stüttgen dann die grausige Entdeckung: Er fand die „völlig zerstörte Fettecke“ in einem großen Abfalleimer der Kunstakademie wieder.

Vor Gericht geht es nun darum: War die Fettecke tatsächlich Johannes Stüttgens Eigentum? Liegt ein Verschulden der Putzfrauen vor? Wäre das Land Nordrhein-Westfalen dafür haftbar zu machen? Ist dem Kläger überhaupt ein Schaden entstanden? Fragen über Fragen.

Anwältin Schwarz bestreitet, daß das Kunstwerk Stüttgen gehört habe. Das Eigentum sei nie richtig übertragen worden. Eindeutig wäre dies, wenn er das Werk heruntergenommen hätte. Allerdings hätte er dann, räumt Frau Schwarz ein, das Opus auch zerstört, denn Beuys habe es ausdrücklich für diesen Raum geschaffen. Fettecke und Wand zusammen stellten das Kunstwerk dar.

Anwalt Binder beharrt darauf, daß das Eigentum auf Stüttgen übergegangen sei. Im übrigen hätte auch ein anderer als Beuys selbst die Fettecke herunternehmen können, ohne sie als Kunstwerk zu zerstören. Juristisch gesehen, seien Wand und Fettecke nie so fest miteinander verbunden gewesen, daß man sie nur hätte trennen können, indem „der eine oder der andere zerstört oder in seinem Wesen verändert“ worden wäre, wie es im Bürgerlichen Gesetzbuch heißt. Der Anwalt verweist auf eine andere Fettecke, die Beuys bereits 1968 abgenommen habe und die seitdem in einem Karton verwahrt wird und nie ihre „skulpturale Bedeutung“ verloren habe. Ansonsten nämlich hätte man sie nicht – zusammen mit einem anderen Fettwerk – für 130 000 Mark versichern können. An dieser Summe gemessen, bewegten sich die von seinem Mandanten geforderten 50 000 Mark noch sehr an der unteren Grenze.