Von Marion Gräfin Dönhoff

Als sich vorige Woche in Washington die Kunde verbreitete, der sowjetische Generalsekretär werde eingeladen, nach dem Gipfeltreffen vor beiden Häusern des Kongresses zu sprechen, gerieten die amerikanischen Konservativen in allergrößte Erregung. Robert K. Doran, ein republikanischer Abgeordneter aus Kalifornien, drohte, 150 bis 160 der 177 Republikaner würden ihre Opposition gegen Gorbatschow öffentlich und mit Nachdruck zur Schau stellen. Jeder von ihnen werde eine weiße Armbinde anlegen, auf der der Name eines Dissidenten verzeichnet sei, und sobald der Redner die Rostra betrete, werde der ganze Verein geschlossen ausziehen.

Wieso denn das, fragt man sich verwundert. Es ist doch Gorbatschow, der Sacharow aus der Verbannung erlöste, der Gefangene aus der Haft entläßt, der Richtlinien für eine objektive Rechtsprechung entwerfen ließ, die an der Wahrheitsfindung orientiert sind und nicht mehr parteiliche Urteile zum Ziel haben. Sippenhaft für Gorbatschow, um die Sünden seiner Vorgänger zu rächen, deren Verbrechen wenigstens teilweise zu tilgen er bemüht ist? Das gibt doch keinen Sinn. Der Grund muß ein anderer sein. Wahrscheinlich kommt es den Konservativen darauf an, sich ein Feindbild zu erhalten, das ihnen ans Herz gewachsen ist und das sie während vieler Jahrzehnte immer wieder von neuem blank geputzt und aufgefrischt haben. Umgekehrt gilt ja genau das gleiche für die Harten in der Sowjetunion.

Im Ost-West-Konflikt haben beide Supermächte Feindbilder entwickelt, die sich ebenbürtig sind und die einander gegenseitig hochschaukeln. Präsident Reagans „Reich des Bösen“ steht die sowjetische Behauptung gegenüber, er sei ein „kriegslüsterner Wahnsinniger“, der nur auf Konfrontation bedacht ist.

Das Bild der Sowjets in den Vereinigten Staaten und das der Amerikaner in der Sowjetunion entsprechen einander wie Spiegelbilder. Beide bedienen sich derselben Argumente: Die Waffen des Gegners sind immer zur Aggression bestimmt, die eigenen natürlich nur zur Defensive. Die eigenen Guerillas sind selbstverständlich Freiheitskämpfer, die des Gegners ohne Zweifel Terroristen. Dieser Teufelskreis ist in sich geschlossen und darum sehr schwer zu durchbrechen, zumal er teils emotional, teils pragmatisch bestimmt ist.

Pragmatisch sind diese Feindbilder insofern, als sie dazu dienen, die Bereitschaft zu entschlossener Verteidigung – und das heißt zu weiterer Rüstung – ständig zu erhöhen. In Amerika ist es unmöglich, unfrisierte amtliche Zahlen zu erhalten. Ständig wird das Verhältnis so dargestellt, daß die Sowjetunion, die ihre Zahlen erst gar nicht veröffentlicht, weitaus überlegen erscheint, damit der Kongreß neue Mittel für die Rüstung bewilligt.

Das Denken in Verschwörungskategorien, die Angst vor der übermächtigen Gestalt des Feindes, der auf beiden Seiten mit fast mythischen Kräften ausgestattet wird, macht rationale, realistische Verhandlungen, sehr schwierig. Man setzt beim anderen stets die finstersten Motive voraus und nennt es Propaganda, wenn jener den Wunsch nach Entspannung und Dialog außen. Charles Wick, Direktor des US-Informationsdienstes (USIA), Herr über 9000 Mitarbeiter und enger Freund Ronald Reagans, beantwortete die selbstgestellte Fage: „Entspricht bei Glasnost der Inhalt der Verpackung oder ist es eine Mogelpackung?“ mit den Worten: „Wir vermuten letzteres.“