Von Barry Graves

Wo ist der Yuppie wirklich zu Hause? In Piano-Bars, Boutiquen und Trend-Restaurants mag sich sein Körper wohl fühlen. Wo aber kann sich seine Seele ausruhen, was tut der urbane Aufsteiger, wenn Heimweh haben auf einmal schick ist? Dem schwarzen Intellektuellen bleibt immer die geistige Verbindung zur Gospelkirche seiner Kinderjahre, zum Jazz aus New Orleans und Chicago, zum derben Blues der Bessie Smith, zum bittersüßen Swing der Billie Holiday. Alle spanischsprachigen Aufsteiger mögen sich mit stolzer Wehmut an die Salsa-Nächte im barrio erinnern, an die Festival-Bands ( conjuntos) auf den Straßen Havannas, an die Tanzband-Schlachten zwischen Kubanern und Puertorikanem in den Ballrooms am oberen Broadway. Die weißen Angelsachsen (WASPs) hingegen wissen nicht so recht, musische Brücken zu ihrer Vergangenheit zu schlagen.

Die meisten Amerikaner sind auf dem flachen Land groß geworden. Nun machen sie in lärm- und smogverpesteten Metropolen „bei Tag die Runde durch die Büros, bei Nacht die Runde durch die Bars“, wie es sinngemäß in einem Song heißt. Sehnsucht nach dem „grünen, grünen Gras der Heimat“ mag mancher in der urbanen Tretmühle empfunden haben, nur wollte wohl niemand solchen Heißhunger auf Provinz zugeben. Jetzt aber lassen auch fanatische Neo-Großstädter ihren unterdrückten Neigungen freien Lauf. Sie träumen sich in den neuen Country-Songs zurück zum Maisgürtel ihrer Jugend und schlagen mit den Songs von Steve Earle, Randy Travis und den Judds eine therapeutisch wichtige Brücke zu ihrer Vergangenheit. Endlich haben auch Yuppies eine ethnische Identität.

Fast alle Ausreißer- und Aufsteiger-Storys beginnen mit jenen legendären Nächten, in denen ein einsamer Country-Boy oder ein verlorenes Cowgirl irgendwo in Kansas, Nebraska oder Idaho an der Landstraße steht und den vorbeipresehenden Fernlastzügen nachschaut. Die Überholspur des Lebens führt immer noch an den meisten Ortschaften Amerikas vorbei. Diese Kaffs haben nicht mal Bürgersteige, die man abends hochklappen könnte. Das Aids-Trauma von San Francisco, der New Yorker U-Bahn-Rächer Bernhard Goetz oder die Iran-Contra-Hearings in Washington mögen da in den Fernsehnachrichten wie Berichte von einem fernen Planeten über die Bildschirme flimmern. Es gibt sie wirklich noch immer – die coffee shops zur großen Einsamkeit, die Bars, in denen jeder ganz für sich alleine in seinen Drink starrt, während die Jukebox dudelt: „Es tut mir schon gar nicht mehr weh, wenn ich heut abend wieder vom Hocker falle.“ In den Fernfahrerkneipen, Bowlinghallen, Eisdielen und gigantischen Lebensmittel-Hangars – die Menschen des Mittelwestens scheinen immer zu warten, auf der Suche nach irgend etwas zu sein. Zu großen Teilen ist Amerika immer noch Provinz zum Todtraurigsein.

Die Country-Balladen zeichnen das Psychogramm dieser wartenden Gesellschaft. Alkohol, Abtreibung, Alleinsein, abtrünnige Liebe sind die Standardthemen für Menschen im Bermuda-Dreieck von Bar, Bett und Baseballplatz. Ein zorniger junger Mensch mit literarischen Ambitionen, der da raus wollte, nahm ehedem seine Klampfe und wurde Beatnik oder Folk-Protestler. Für weiße Kids aus der Provinz ist die Gitarre das, was für schwarze Getto-Jugendliche der Basketball oder die Sprinter-Spikes sind. Wer ein derberes, weniger kunstsinniges Gemüt hat, schwingt sich auf einen Track und träumt sich in die Illusion hinein, der letzte Cowboy auf Rädern zu sein. Die Städter haben dieses Gefühl nie verstehen wollen. Country-Sänger – das waren für sie Blondinen mit übergroßen Perücken und einem eingefrorenen Lächeln, die Lieder vom traurigen Los der Weiblichkeit oder der Treue zu eigensinnigen Männern krähten. Man lachte über ihre straßbesetzten Jacken und riesigen Hüte, und wie ihnen echte Wehmut oder falscher Wermut die Stimme in weinerliche Höhen trieb.

Dabei sind es doch ganz anheimelnde Erinnerungen an jene versunkenen Jahre, als Amerika unschuldiger und die Welt unkomplizierter schien. Da versammelte sich die Familie samstagabends um das alte Philco-Batterieradio und hörte der „Grand Ole Opry“ zu, die 1926 als Amateur-Show für regionale Talente gestartet wurde und von Nashville aus über den Äther „ein musikalisches Band um Amerika“ schlang. In den frühen zwanziger Jahren dann entwickelte sich die kommerzielle Country-Musik aus Appalachen-Folklore, britischen Chorälen, irischen Volksweisen und schwarzen Gospelgesängen. Zu den „Pilgervätern“ der Country-Musik gehörte die Carter Family aus Virginia, die die Hillbilly-Weisen des Landvolks sammelte und dieses Repertoire mit heute klassischen Eigenkompositionen anreicherte. Zu jener Zeit wurde der jodelnde Cowboy Jimmie Rodgers zum ersten Country-Idol, dem in den dreißiger Jahren die singenden Kino-Cowboys Roy Rodgers und Gene Autry folgten. Nach dem Zweiten Weltkrieg schwemmte die Country-Musik mit den Fremdklängen von Schlagzeug, Hawaiigitarre, Bläsersätzen und Violinbegleitung zu „Country and Western“ auf. Der erste Meister dieser Mischung aus multiregionalen Sound-Einflüssen war Hank Williams, der bis zu seinem Tode (1953) mehr als 125 Country-Klassiker schrieb, darunter „Jambalaya“, „Your Cheatin’ Heart“, „Kaw Liga“, und der den Blues der kleinen Leute mit „mehr weißem Soul-Gefühl“ sang, „als erlaubt sein sollte“ (so der Country-Historiker Paul Hemphill).

Country-Musik erzählt Geschichten vom wahren Leben aus der Kleinbürger-Perspektive. „Das ist Journalismus nach Noten“, behauptete einmal der Country-Veteran Merle Haggard. „Alles, was Großmutter pfeifen, summen oder singen kann, ist Country“, definiert ein Diskjockey diese Musik. Und ein Kollege ergänzt: „Wenn Sie lange genug einer Country-Station zuhören, wird einer der Songs auch Ihre Geschichte erzählen, Mister.“ Die Geschichten jedoch wurden sich im Lauf der Jahrzehnte immer ähnlicher. Stets fuhren die gleichen Requisiten ins ländliche Idyll – Lastwagen, Eisenbahnen. Stereotype Helden agierten auf ein und denselben Bühnen in sich gleichenden Storys, wie sie halt das Leben so abschreibt. „Der ideale Song“, meinte einmal das Magazin Time, „könnte von einem Typ handeln, der aus dem Gefängnis freikommt, auf einem Lastwagen heimwärts donnert, seine grüne Witwe beim Fremdgehen erwischt, sich daraufhin einen antrinkt und seinem endgültigen Schicksal vor einem heranbrausenden Güterzug verfällt.“