Ein bürgerliches Trauerspiel – oder: Dienstleistungen am gesellschaftstragenden Mittelstand. Beobachtungen beim Bordellprozeß

Von Esther Knorr-Anders

Mainz

Man denke sich in folgende Situation hinein: Die Luft ist lau, der heraufdämmernde Feierabend lang, die Kirchenglocken läuten, ruhig fließt der Rhein. Von soviel Idylle ließen sich ungezählte Freizeitmänner aus den Landeshauptstädten Mainz und Wiesbaden, aber auch aus entfernteren Gegenden zu allerlei Entspannung anregen. Gewannen die Entspannungslüste Zielsetzung, steuerten die Herren die bei Mainz gelegene kleine Gemeinde Heidesheim an. Dort harrte ihrer im Lennebergwald das „Clubhotel Rotkäppchen“.

Viele Jahre garantierte das Etablissement seinen Gästen nachtfüllende Unterhaltung. Gegen Entgelt, versteht sich. Von 200 Mark aufwärts. Die Gäste, so heißt es, waren Prominente aus Politik, Wirtschaft, vom Fernsehen. Doch auch mittelständische Geschäftsleute, amüsierfreudige Steuerberater und biedere Handwerker frequentierten die noble Absteige und wurden, laut Zeugenaussage, stets „reell bedient“. Leider gelang es mir nicht, eben Gesprächspartner zu finden, der die Frage, was allgemein unter „reeller Bedienung“ in einem Lusthaus zu verstehen sei, beantworten wollte. Es fand sich – zu meiner Verblüffung – überhaupt kein Mann, der jemals ein Bordell betreten hatte. Dies Phänomen erfüllte mich mit wachsender sittlicher Bewunderung. In Anbetracht der Vielzahl von Eros-Absteigen drängte sich jedoch die Schlußfolgerung auf, daß es Männern auf geheimnisvolle Weise möglich sein muß, Bordelle zu besuchen, ohne sie zu betreten.

Wie es auch sei, das den Adepten hinlänglich bekannte Clubhotel wurde nach der dritten, im Jahre 1985 von der Mainzer Staatsanwaltschaft verfügten Durchsuchung geschlossen. Es kam zum mittlerweile bundesweit Aufsehen erregenden „Rotkäppchen-Prozeß“, den die Bordellmetropolen, zum Beispiel Berlin, Frankfurt, Hamburg, Köln, München, mit finsterem Interesse verfolgen. Der Prozeß wird sich länger als vorgesehen hinziehen. Die 4. Große Strafkammer des Landgerichts Mainz stach nämlich in ein Wespennest. Unversehens ging es nicht nur um ein ohne entsprechende Konzession geführtes Bordell. Es ging um Ausbeutung von Prostituierten, Mißbrauch von Jugendlichen, Menschenhandel, um eine für den Chef des Hauses installierte Zimmerabhöranlage, um Pornofilme, Waffenhandel, Rauschgift. „Provinzposse“ oder „Bürgerliches Trauerspiel“? Das ist die Frage.

Ich hatte die Fahrtzeit überschätzt und stand viel zu früh vor Saal 201 im Landgericht. „Gewöhnlich steht das Publikum Schlange, denn beim Rotkäppchen-Prozeß ist kaum ein Platz zu ergattern“, war ich gewarnt worden. Im Augenblick wartete lediglich ein älterer Herr vor der noch geschlossenen Tür. Aufmerksam blickte er mir entgegen. Wir kamen ins Gespräch. Bald dämmerte mir, daß er mich für eine vorgeladene Zeugin hielt, und das bedeutete in diesem Fall „Nutte“. Ob ich aus Köln käme, dort soll doch die Jenny jetzt wohnen? Ich murmelte Unverständliches. „Das wird bös ausgehen. Die Jenny sieht erbärmlich aus, und der Bodo hat den Witz verloren. Die Gudrun, Sie wissen doch, die Schnucklige in der Folterkammer – ganz schwarz soll sie gewesen sein, die Kammer mein’ ich – also die Gudrun ist auch nicht mehr wie im Anfang. Der Saal hat sich vor Lachen gebogen, sobald sie redete. Da haben Sie was versäumt.“