Von Franz Mechsner

In den „Spuren“ von Ernst Bloch findet sich folgende Geschichte: „Man erzählt, ein Hund und ein Pferd waren befreundet. Der Hund sparte dem Pferd die besten Knochen auf, und das Pferd legte dem Hund die duftigsten Heubündel vor, und so wollte jeder dem anderen das Liebste tun, und so wurde keiner von beiden satt.“

„Empathie“ nannte Theodor Lipps die Fähigkeit, die den beiden unglücklichen Freunden fehlt, die Fähigkeit, mit dem anderen zu fühlen, zu wissen, wie ihm zumute ist und was er braucht. Daß keine Liebe lange hält ohne Empathie, läßt obige Geschichte ahnen. Aber auch Sadismus und Schadenfreude leben von dieser Fähigkeit.

Mit der Frage, wie Empathie entsteht, schlagen sich die Philosophen seit langem herum. Ludwig Wittgenstein etwa umkreist in seinen „Philosophischen Untersuchungen“ das Problem, wie ein Mensch vom Schmerz des anderen wissen kann. Wie ist es möglich, daß er nicht nur auf das Äußere seines Mitmenschen, auf seine Bewegungen und Erzählungen, auf seinen Gesichtsausdruck reagiert, sondern ein Stück weit nachempfinden kann, wie es sich „von innen anfühlt“, der andere zu sein?

Das Gefühl eines anderen übertrage sich auf mich, und dadurch wisse ich, wie ihm zumute sei, lautet eine gängige Erklärung. „Gefühlsansteckung reicht zur Erklärung der Empathie nicht aus“, sagt dagegen Doris Bischof-Köhler, die sich am Psychologischen Institut der Universität Zürich mit diesem Thema beschäftigt. „Schon intuitiv neigen wir dazu, Gefühlsansteckung für primitiver zu halten als Einfühlung. Durch Gefühlsansteckung entstehen Panik, gemeinsames Lachen und Gähnen, die Flugstimmung von Vogelschwärmen. Da scheint uns doch die Einfühlung eine etwas entwickeltere Fähigkeit zu sein. Ja, wir erleben jemanden als besonders menschlich, wenn er sich gut einfühlen kann.“

Was ist nun das spezifisch „menschliche“ an der Empathie? Häufig wird behauptet, daß wir nicht durch warmes Mitempfinden, sondern durch kalte Logik von den Gefühlen anderer Menschen wissen. Ich weiß beispielsweise, daß Schmerzen mich zum Weinen bringen können. Sehe ich jemand weinen, dann folgere ich „durch Analogieschluß“, daß er wohl auch Schmerzen empfindet. Norma Feshbach hat 1978 eine Theorie zur Empathieentstehung veröffentlicht, die im wesentlichen auf dieses Argument hinausläuft. Sie glaubt, daß die Möglichkeit zur Einfühlung von drei Voraussetzungen abhängig ist: Zunächst einmal muß, wer sich einfühlt, die entsprechende Empfindung des anderen kennen und selbst erleben können. Doch diese „affektive“ Voraussetzung reicht allein nicht aus. Ich kann nur erschließen, was im anderen vorgeht, wenn ich seine Gefühlsäußerungen auch erkennen und benennen kann. Dazu kommt als weitere, noch wichtigere „kognitive“ Voraussetzung die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme: Ich muß in der Lage sein, mich in die Situation des anderen zu versetzen, seine Sicht der Dinge zu verstehen. Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget behauptete, daß Kinder erst im Alter von ungefähr fünf Jahren zur Perspektivenübernahme fähig würden. Vorher seien sie „egozentrisch“ und könnten Blickwinkel und Situationen anderer Menschen nicht nachvollziehen. Wenn Piaget recht hat, ist nach der Theorie von Norma Feshbach nicht zu erwarten, daß Kinder unter fünf Jahren empathisch reagieren können.

„Jeder, der mit Kindern zu tun hat, weiß, daß schon Zweijährige sehr einfühlsam sein können“, sagt Doris Bischof-Köhler. „Auch systematische Studien von uns und anderen zeigen, daß Kinder nicht nur von den verstehen, anderer anderen werden, sondern gut verstehen, wie dem anderen zumute ist.“ Dies zeigt unter anderem folgende Versuchssituation: Zunächst spielt das Kind, dessen Empathiefähigkeit getestet werden soll, etwa eine halbe Stunde lang mit einer Studentin. In einer zweiten Sitzung macht die so vertraut gewordene Spielpartnerin nach zwanzig Minuten „versehentlich“ ihren Teddy kaputt: Beim Ausziehen des Jäckchens geht ein Arm ab. Nach dem Mißgeschick sitzt sie traurig da, weint ein bißchen und jammert: „Mein Teddy ist kaputt.“