Von Armgard Seegers

Nur eine Verabredung mit Jane Fonda war noch komplizierter gewesen. Dabei kam die immerhin aus dem fernen Hollywood, während Evelyn Hamann gleich um die Ecke wohnt. Aber das erfuhr ich erst nach vielen durchaus geheimnisumwitterten Telephonaten.

Ja, pressescheu sei sie, sagt sie. Das müsse man doch, bitteschön, verstehen, daß sie nicht alle naselang beim Arbeiten zu Hause gestört werden wolle. Ihr Blick sagt: Wer es geschafft hat, sich bis zu mir vorzukämpfen, der ist es auch wert, daß ich mit ihm spreche.

Evelyn Hamann zählt zu jenen Menschen, denen man ohne weiteres alle preußischen Tugenden zuordnet. Sie war, natürlich, eine äußerst fleißige, ernsthafte – und hochbegabte – Schülerin. Als sie nach dem Besuch der Hamburger Schauspielschule mit den größten Ambitionen ins Berufsleben aufbrach, bekam sie das kleinste aller kleinen Engagements: am Göttinger Jungen Theater. Dort durfte sie dann zwar alle Rollen rauf und runter spielen, mußte nebenbei mit ihren sechs Kollegen aber auch noch alles andere machen: „Bühne, Maske, Requisiten, Boden schrubben – wir machten alles selbst. Nur für den Beleuchter mußte Geld da sein, denn an die Elektrik trauten wir uns nicht ran.“ Das sei eine tolle Zeit gewesen, sagt sie: „Da konnte man viel über Teamgeist lernen.“

Es ist ihr völlig klar, warum sie damals nicht an einem größeren Theater landen konnte: „Was können junge Mädchen da spielen? Die Julia, das Gretchen, das Käthchen. Ich war aber keine jugendliche Liebhaberin; ich sah immer schon so aus, wie ich jetzt aussehe: viel krause Haare und ein Mund mit zu vielen Zähnen drin.“

Obwohl sie diesen Satz nicht zum ersten Mal sagt – in einem der wenigen Interviews, die es von ihr gibt, habe ich ihn schon gelesen – lacht sie dabei so heftig mit ihrem aus der Tiefe hervordringenden Alt, daß die gespielte Spontaneität ansteckend wirkt. Diese schauspielerische Darbietung ist hinreißend. Am besten aber hat sie zweifellos die Rolle der musterhafhat Tochter und Schwiegertochter drauf. Noch dem spießigsten Vater könnte sie beweisen, daß der Beruf der Schauspielerin ein grundsolider und ordentlicher ist. Alles Flippige, Exzessive – ja, man wagt unter ihren Augen an so was kaum zu denken – scheint ihr fremd wie dem Drei-Sterne-Koch das Ketchup.

Eine Karriere wie nach dem Motto: Ohne Fleiß kein Preis! Wie wird man da ein Star? Natürlich sei die Begegnung mit Vicco von Bülow, alias Loriot, 1976 bei Radio Bremen, prägend für ihre weitere Karriere gewesen, sagt Evelyn Hamann, aber „bei aller gebotenen Bescheidenheit: ohne das nötige Talent hätte der mich auch nicht genommen“. Und Talent, das findet sich bei ihr genau dort, wo Pflicht und Neigung zusammenfallen. Bereits vom Vater, der Geiger war, wußte sie, daß Musiker viele Stunden täglich üben müssen, um ihr Instrument zu beherrschen. Die Übungen, die der Schauspieler braucht, um seine Instrumente, Körper, Geist und Stimme, zu beherrschen, hat sie sich zur Pflicht gemacht. Es steckt hinter der Begabung ein hartes Stück Arbeit.

Ende der siebziger Jahre spielte Evelyn Hamann an der Seite von Loriot, den sie als einen „genialen Menschen“ bezeichnet, jene Rollen, die sie im Lande bekannt, ja, berühmt machten – mal als penible Sekretärin, mal als von Staubsauger- und Weinvertretern bedrängte Hausfrau, immer mit jenem tödlich komischen Ernst im Gesicht, der ihr Markenzeichen wurde. Wie sie unter einer Blondhaarperücke zum spießigen Dummchen wurde, das mit halbgeöffnetem Mund und ungläubigem Blick die Wanderung einer Nudel im Gesicht ihres Partners verfolgt, während dieser ihr beim Essen im feinen Restaurant eine Liebeserklärung macht, das ließ den Herrn am Tisch allemal noch dümmer erscheinen, als es der Ausdruck in ihrem Gesicht je hätte sein können. Stets spielte sie jenes Entsetzen mit, das einen ordentlichen Menschen befällt, wenn er auf das Chaos trifft: hinter jedem Ding, das sich verselbständigt, hinter jeder Regelverletzung ein Abgrund an Komik, dem man, wie die Lage ist, nur entgehen kann, wenn man schön ordentlich auf dem eingeschlagenen Weg bleibt – doch genau der führt geradewegs zum Absturz.

Die preußische Komik des Vicco von Bülow brauchte eine so sachliche, integre Interpretin wie Evelyn Hamann. Höchste Perfektion ist es, die sie so glaubwürdig, so unfehlbar komisch macht. Da trifft sich die Schauspielerin mit der Privatperson, der Disziplin und Präzision allemal näher sind als entfesseltes Komödiantentum. Jenes geflügelte Theaterwort, wonach Dezenz Schwäche sei, kann sie jedenfalls für sich nicht gelten lassen. An jeder kleinen Kopfbewegung, jeder Betonung feilt sie so lange herum, bis sich einstellt, was sich einstellen soll: die Wirkung beim Zuschauer.

Evelyn Hamanns Gesicht, das privat so auffällig eigensinnig wirkt, muß eine Freude für jede kreative Maskenbildnerin sein. Scheinbar alters- und leidenschaftslos, kann sie mal wie eine hochnäsige Psychoanalytikerin, mal wie ein schnippischer Dorftrampel dreinschauen. Und im Faltenrock mit Handtasche erscheint sie immer wieder als eine Frau Jedermann: lockenumkränzt und aufs Unwesentliche beschränkt. Demgegenüber wirkt Evelyn Hamanns privates Gesicht erfrischend. Sie schätzt Offenheit und Ehrlichkeit. Was sie partout nicht ausstehen kann, ist „Unanständigkeit, nicht im Sinne von ‚igitt‘, sondern im Sinne von Unaufrichtigkeit“.

Ihren Beruf übt sie mit beinahe wissenschaftlichen Strenge aus. Für jedes Problem gibt es eine richtige Lösung. Das gilt auch für die Interviews, die sie gelegentlich durchaus zu geben bereit ist. „Ob und wie ich die Fragen beantworte, das kann ich mir ja immer noch überlegen.“ Es hängt nicht zuletzt davon ab, ob die stille Übereinkunft über die Spielregeln nicht durchbrochen wurde. Regel Nummer eins: Fragen nach ihrem Privatleben sind tabu. Sie nicht zu beantworten, ist in ihren Augen kein Zeichen von eingeschränkter Offenheit, es disqualifiziert allenfalls den Fragesteller. Selbst die nicht allzu intime Frage, ob es irgend etwas gebe, womit sie nicht geradeheraus zurecht käme, beantwortet sie zunächst mit abwehrendem Tadel: „Das trifft ja wohl mehr den Privatbereich.“ Nach längerer Denkpause sagt sie dann aber doch: „Ich mache mir manchmal zu viele Gedanken.“ Zum Beispiel gerade jetzt, während des Gesprächs, sorgt sie sich darum, ob sie nicht zuviel rede, ob ich nicht zu selten zu Wort käme. Ganz so, als sei ein Interview getragen von den Gesetzen der paritätischen Mitbestimmung. Sagst du mir was, sag’ ich dir was. Es folgen ein herzhaftes Lachen und ein strenges „Spaß beiseite“ – Evelyn Hamann gibt zu verstehen, daß wir uns nun wieder dem ernsthaften Gespräch zuwenden sollten.

Sie hat es sich zur Gewohnheit gemacht, Fragen in Form einer Presseerklärung zu beantworten – ausgewogen, sachlich, wohlüberlegt. Die Spontaneität ist dabei stark gebremst. Nie würde sie über Kollegen herziehen, und „alle ihre Arbeiten“ seien schön gewesen, so erklärt sie – ob sie nun als Haushälterin in der „Schwarzwaldklinik“, als klatschsüchtige Provinzlerin in der Vorabendserie „Der Landarzt“, im „Tatort“ oder in einem Tschechow- oder Goethestück auf dem Theater aufgetreten ist. Doch, nein, das „Special“, das ihr im April im Fernsehen zugestanden worden war und das ihr für 60 Minuten Gelegenheit gab, die vielen Facetten ihres Könnens zu zeigen, das sei natürlich eine besondere Auszeichnung gewesen, für die sie sehr dankbar sei.

Die Kunst, viel über sich zu sagen, ohne etwas Privates herauszulassen, beherrscht Evelyn Hamann perfekt. Was macht sie glücklich? „Solange die Menschen, die einem nahestehen, von Leid verschont sind, geht’s mir gut.“ Geht’s nicht auch eine Nummer kleiner? Doch, zum Beispiel: „Ein schönes Gespräch, ein Blick über die Außenalster.“ Nun ja, daß sie einen Kater hat, den sie „ganz toll“ findet, daß sie gerne malt, wozu sie leider viel zu wenig Zeit hat, und daß sie in ihrer Jugend sogar gejazzt hat, erzählt sie dann doch noch.

Kein Spleen hat sie je verfolgt, keine verrückte Phantasie je okkupiert. Alles ist nach Plan verlaufen. Schon als Kind hat sie ihren Freundinnen Geschichten vorgespielt. Und da war es dann eben klar, daß sie Schauspielerin werden würde.