Europa – was ist das? Ist es dieser abgenutzte Kontinent zwischen Hammerfest und Heraklion? Ist es der Krieg der Wissenschaft gegen die Religion, der Rationalität gegen den Mythos, der Kultur gegen die Natur? Ist es Michelangelo, Mozart, Flaubert, – oder Butterberg, Seveso, plus Sondermarke der Bundespost?

„Ach Europa!“, stöhnen wir mit Hans Magnus Enzensberger. Nachdem die Deutschen ihr Land (und einige andere dazu) zerstört hatten, wollten sie lieber, um nicht mehr Deutsche sein zu müssen, Europäer sein. Aber der Europa-Enthusiasmus der Fünfziger und Sechziger ist einer müden Gleichgültigkeit gewichen. Hier und da blakt wie eine Baustellenbeleuchtung der Begriff „Mitteleuropa“, aber alles erdrückend ist das Elend der Agrarpolitik, die Herrschaft der Bürokraten.

Wenn die Politiker nicht weiter wissen, dann benutzen sie gerne die Kultur zur Erbauung und Erhebung. Der französische Außenminister Jean-Bernard Raimond hatte dieser Tage zu einem Symposium nach Paris eingeladen, über „die kulturelle europäische Identität“. Rund 200 Schriftsteller, Intellektuelle, Journalisten aus fast allen europäischen Staaten (Ost wie West) waren gekommen. Überraschend der Optimismus vieler Redner. Alberto Moravia sagte: „Die Welt von morgen wird vielleicht weder amerikanisch noch sowjetisch, sondern noch einmal europäisch sein.“ An die Spitze dieser Hoffnung setzt sich Frankreich. Die konservative Regierung Chirac demonstriert, daß der Geist nicht zwangsläufig links steht, wo das Herz schlägt, und daß die Hauptstadt der europäischen Kultur in Wahrheit Paris ist, wo man französisch spricht. Weshalb die Konferenzsprache eines solchen Symposiums natürlich und fast ausschließlich französisch ist. Die kulturelle Vielfalt Europas besteht in der Vielfalt seiner Sprachen, die kulturelle Identität hingegen in der französischen Sprache – war es so gemeint?

Brauchen wir sie denn, die europäische Identität? Liegt die Stärke Europas nicht gerade im kulturellen patchwork (Moravia)? Die gemeinsamen Wurzeln: Athen, Rom, das Judentum, das Christentum, auf die der Kardinal König hinwies – sie waren einstmals stark und prägend, während heute die zentrifugalen Kräfte gewachsen sind. Auch die zerstörerischen, wie György Konrad (Budapest) sagte. Und der französische Oberrabbiner Sirat bestand auf der bitteren Einsicht: „Ein bestimmtes christliches Europa ist in Auschwitz untergegangen.“

Die kulturelle Identität Europas, das war auch ein finsteres Kapitel. Damit es nie wieder finster werde, täte es gut, das Nicht-Identische und das Minoritäre und die europäische Kultur des Zweifels zu hegen. Und das wiederum hieße, sich politisch nicht (wie jetzt in Paris) benutzen zu lassen.

Ulrich Greiner