Wie Donnie Fräsers Leben verlöschte – ein trostloses Beispiel von vielen

Von Reiner Luyken

Donnie Fraser kam am 1. Februar des Jahres 1900 zur Welt. Er lebte bis zum Oktober 1987: Siebenundachtzig Jahre eines Jahrhunderts, in denen er in Australien das Reiten und das Metzgerhandwerk lernte, im damaligen Rhodesien Tabak pflanzte, und später, wieder in sein Heimatdorf im Norden Schottlands zurückgekehrt, in monatelanger, zermürbender Arbeit die schönsten Grenzmauern der Gegend aus den Felsbrocken baute, die die Böden des Hochlandes wie in ewigem Kreißen immer wieder ans Tageslicht befördern. Wahre Kunstwerke aus Stein sind das – die Monumente eines gegen das Alltagsleben idiosynkratischen Querkopfes.

Donnie Fraser war sein Leben lang verschroben, widerspenstig, voller Streitlust. Ein unhandlicher Brocken, übersprudelnd von ausgefallenen Ideen und völlig unfähig, sich unterzuordnen. „Donnies Didos“ nannte seine Mutter die Marotten des kauzigsten ihrer zehn Kinder. Von dem Kleinbauernhof, auf dem er aufwuchs, gelangte das neugeschöpfte Wort bis in das Oxford Dictionary, die Bibel der englischen Sprache.

Jetzt ist er tot. Sein Leben fand ein schmähliches Ende in einem der elenden Siechhäuser, in denen viele lästig werdende Alte in Großbritannien bis zu ihrem Exitus verwahrt werden. Siechenhäuser des Elends sind das, die den berüchtigten Armenhäusern der viktorianischen Ära um nichts nachstehen. Schandmäler hinter der Fassade unseres scheinbar so zivilisierten Jahrhunderts.

Donnie Fräsers Niedergang und Entrechtung begann, wie das so oft geschieht, mit dem Tod seiner Frau. Auf einmal waren ihre Lungen voll von all dem Teer, den sie täglich aus drei Schachteln Players Navy Cut in sich eingesaugt hatte, und sie starb schnell und plötzlich. Bei ihrem Begräbnis trug Donnie zum letzten Mal seinen alten Pflanzerhut, den er aus Rhodesien mitgebracht hatte und den er zu jeder Hochzeit und zu jedem Leichenbegängnis wie eine Trophäe aufsetzte. Zwei Männer stützten ihn, als er mit steifen Beinen über den windzerzausten Friedhof seines Heimatdorfes stakste und mit einer Hand die breitkrempige Kopfbedeckung festhielt.

Allein konnte Donnie nun in seiner Kate nicht mehr bleiben. Er lebte nur von Porridge. Morgens rührte er sich einen Pott voll an, und aus dem Pott löffelte er sein Mittagessen und sein Abendbrot. Porridge, behauptete er, sei alles, was der Mensch zum Leben brauche. Aber er war auch, wie das Alter es so mit sich bringt, fahrig geworden, ließ die Herdplatten bis zur Rotglut brennen und verschüttete oft kochendes Wasser. Und seine Hüfte schmerzte, seit man ihm im letzten Winter eine Oberschenkelhalsprothese eingesetzt hatte.