Die sind ja wahnsinnig geworden“, erregte sich ein Mitarbeiter der Hanauer Nuklearbetriebe vor den Toren seiner Firma und setzte dann noch eine Spur erregter hinzu: „Keiner weiß was, aber wir werden gelyncht.“

Gelyncht wurde an diesem Donnerstag, dem 14. Januar, allerdings niemand. Aber Bundesumweltminister Klaus Töpfer wußte an diesem Tag weit mehr als der Hanauer Arbeiter. Kurz vor 17 Uhr hatte er seinen Wiesbadener Kollegen, den hessischen Umweltminister Karlheinz Weimar, fernschriftlich angewiesen, „die der Nukem erteilten atomrechtlichen Genehmigungen auszusetzen“. Aus neuen Erkenntnissen der seit April vergangenen Jahres schwelenden Affäre um die Hanauer Betriebe hatte Töpfer endlich die Konsequenz gezogen, daß Betrieb und Betreiber der Firma nicht mehr die Zuverlässigkeit gewährleisten, die nach Paragraph 7 des Atomgesetzes gefordert wird.

Was bis dahin nur vage vermutet worden war, hatte sich zum Beweis verdichtet. Die Manager der Nuklearfirma Nukem haben über Wochen und Monate hinweg verschwiegen, was sie längst wußten und was sie unverzüglich hätten melden müssen: schwere Verfehlungen und Manipulationen mit nuklearem Material. Die Nukem-Tochter Transnuklear hat jahrelang falsch deklarierten Atommüll aus Belgien in die Bundesrepublik transportiert, ihn an dafür ungeeigneten Standorten deutscher Kraftwerke gelagert. Bestechung und schwarze Kassen für Bestechungsgelder waren ohnehin mit im Spiel.

Wie sehr das Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Seriosität der Atomwirtschaft selbst bei ihren Befürwortern bereits gesunken ist, zeigte dann die rasante Verbreitung des Gerüchts, daß die Hanauer Firmen atomwaffenfähiges Material von Belgien via Lübeck ausgerechnet nach Libyen und Pakistan verschachert hätten: Aufrüstung der Dritten Welt, gar der schlimmsten Diktaturen, zur Atomstreitmacht mit deutschem Know-how. Bonns internationale Reputation schien bedroht.

Der SPD-Abgeordnete Volker Hauff nach der Sondersitzung des Umweltausschusses des Deutschen Bundestages am vergangenen Donnerstagabend: „Es ist das wirklich gravierende Ergebnis dieser Sondersitzung, daß es über den Anfangsverdacht hinausgehende Gründe gibt, die nahelegen, daß der Atomwaffensperrvertrag verletzt wurde, daß waffenfähiges Material aus der Europäischen Gemeinschaft über andere Länder nach Pakistan und Libyen geflossen ist.“

Zuvor schon hatte Walter Wallmann, der hessische Ministerpräsident, auf eine Frage des Grünen Joschka Fischer geantwortet, daß es den Verdacht auf Weitergabe von waffenfähigen Spaltstoffen und Verstoß gegen den Atomvertrag gebe. Der Hintergrund der vermeintlichen Enthüllung: Bei Wallmanns Umweltminister Weimar war ein du-

bioser Informant aufgetaucht, der bereits in Belgien kursierende Proliferationsgerüchte ungeprüft als Tatsache behauptete. Weimar informierte die Staatsanwaltschaft und Ministerpräsident Wallmann. Vier Tage später entpuppte sich die „Information“ als blosses Gerede.