Lateinamerikanische Autorinnen konnten sich bislang nur schwer zu Wort melden. Schon ie erste "Feministin", Sor Juana Ines de k Cruz, beklagte in einem heute berühmten Brief das Vorrecht der Männer auf Wissen und Gelehrsamkeit, während den Frauen andere Pflichten auferlegt wurden. Sie selbst verkaufte mit vierzig Jahren ihre Bibliothek, verzichtete auf jede intellektuelle Tätigkeit und widmete sich der Armenfürsorge. Die Gründe für diesen radikalen Entschluß bleiben bis heute weitgehend rätselhaft. Es scheint, als ob sich seit der Kolonialzeit nichts oder nur wenig an dieser Situation geändert habe. Der Nobelpreisträgerin Gabriele Mistral (1945) stehen gegenüber: Alfonsina Storni Selbstmord; Alejandra Pizarnik - Selbstmord; Martha Lynch - Selbstmord; Delmira Agustini wird vom eifersüchtigen Ehemann ermordet; Rosario Castellanos - (gewellter?) Tod bei der Reparatur einer Steckdose; Elena Garro - zwei Romane, Erzählungen, verstummt; Maria Luisa Bombal - zwei Kurzromane, ein paar Erzählangen, verstummt seit ihrer Eheschließung. Die Liste ließe sich verlängern Vom Gesamtwerk der zuletzt genannten Autorin, das in den dreißiger Jahren publiziert und erst nach ihrem Tod (1980) wieder zugänglich wurde, behauptet Borges, es zähle zu den Höhepunkten lateinamerikanischer Erzählkunst.

Nahezu alle Protagonisten sind Frauen, die sich in ihre Träume flüchten, um vor der sie verletzenden, sie geringschätzenden Wirklichkeit zu fliehen. Die Männer bestimmen ihr Leben, ob als Väter oder Ehemänner, und zwingen ihnen ihre Entscheidungen auf. So läßt die "Frau im Leichenhemd ihr Leben vor dem inneren Auge abspulen, wie sie Leidenschaften unterdrücken und den Kindern und der Gesellschaft zuliebe stets nachgeben mußte, wann immer sie sich empörte. Die Ich Erzählerin in "Der letzte Nebel" akzeptiert die Ehe, weil dies trotz, allem besser ist, als alleinstehend in der Männergesellschaft zu leben, obwohl sie weiß, daß sie nicht geliebt wird. So verstreicht ihr Leben ohne Zärtlichkeit, ohne Freuden. Eines Nachts flieht sie vor der Enge des Hauses und lernt die Liebe kennen. Seitdem klammert sie sich an diese Erinnerung, die im Laufe der Jahre immer unwirklicher wird. Es bleibt die bange Frage, ob alles nur Einbildung war .

Jeder dieser Texte bestrickt durch die Präzision der Bilder, durch den lyrischen Ton und wechselnden Rhythmus, was den schmalen Band zu einem literarischen Kleinod macht. Der Leser fühlt sich den Frauengestalten, die sich so mühen, irgendwie mit ihrer Lage zurechtzukommen, ohne sich ganz preisgeben zu müssen, sofort verbunden. Erzählungen, aus dem Spanischen von Thomas Brons; Ullstein, Berlin; 188 S, 12 80 DM