Ein Herr Schott öffnet alle Schleusen seines Wahrnehmungsapparates und läßt die neue Umgebung in sich hineinströmen als Flut ungeordneter Bilder. Er versucht, dieses Ostwestberlin als ein Ganzes zu nehmen, als bloß sinnliche Gegebenheit will er die Stadt wahrnehmen ohne das schmerzende Vorauswissen von einer Geschichte, von einer Spaltung, davon, was Autos, Reklamen und Menschen hier miteinander treiben. Ohne Punkt und Komma reihen sich die Wahrnehmungen des Stadtbummlers zu einer Müllhalde unsinniger weil zusammenhangloser Eindrücke. Herr Schott geht dabei verloren, der West-Berlin-Neuling mit den aufgezogenen Schleusen taucht in Schädlichs Erzählung „Ostwestberlin“ nur sporadisch und ebenso beiläufig auf wie das, was er wahrnimmt. Er ist zum Teil des bedeutungslosen Gewimmels geworden, er hat sich durchfluten lassen und dabei aufgelöst.

Die Erzählung steht am Schluß des neuen Bandes mit Kurzprosa, die Schädlich vor und neben dem „Tallhover“ nach seiner Ankunft im Westen schrieb, und sie ist eine Art Pendant, eine Antwort auf einen anderen Text, der ihr sowohl im Entstehungsdatum als auch in der Reihenfolge dieser Sammlung vorausgeht. „Irgend etwas irgendwie“ ist die Geschichte von einem, dem die Schreibgründe abhanden kamen, nachdem er in die „freie Welt“ eintrat, nach einer Befreiung, die der Autor, um den es in dieser Geschichte geht, so beschreibt: „Es steht ihm frei, heißt es, beliebig Worte zu benutzen. Niemand fragt danach. Gänzlich frei von den Gesetzen der gebundenen Rede. Oder der Zensur. Oder des Marktes. Nur die Regeln der Syntax beachten ...“ Und auf die Syntax, die unterste Stufe sprachlichen Ausdrucks muß herabkommen, was dem Autor noch zu sagen bleibt, nachdem er sich in der fremden anderen Hälfte seiner Stadt in einer dunklen Hinterhofwohnung eingeigelt hat. Auch sein Dasein ist auf einer untersten Stufe angekommen, er nimmt es wahr als mühsamste Verrichtung des Lebensnotwendigsten, des Einkaufens und Mülleimerleerens. Eine „Anruferin“ lockt ihn immerhin soweit aus der Isolation, daß er ihr seine Lage schildert. „Einer sagte, ich tue nichts. Am Morgen schlafe ich. Mittags, in dem hellen Licht, erwache ich und schließe die Augen. Nachmittags, in der Dämmerung, öffne ich die Augen und warte auf den Abend. Abends versuche ich zu schlafen. Aber nachts stehe ich auf und gehe im Zimmer umher.“

So lapidar, so uneitel ist das Selbstmitleid des Autors, daß es nahe daran ist, in Komik umzuschlagen. Und eben dies macht nicht nur ihm neue Lust am Erzählen, sondern auch dem Leser eine merkwürdige Art des Vergnügens an dieser Lektüre, an diesen Schilderungen eines lichtlosen, dumpfen, nurmehr glimmenden Daseins. Denn die Tatsache, daß dieses Dasein tapfer registriert wird, ist wiederum ermutigend: Das Protokoll der Ausweglosigkeit ist schon eine Art Ausweg: „Einer hat Papier und Kugelschreiber zur Hand genommen. Es ist nachlesbar, daß er schreibt: Ich tue nichts. Während Einer schreibt, daß er nichts tut, tut er etwas ... So erfährt Einer, daß er etwas tut. Er darf schreiben: Ich tue etwas.“ Selbstironie oder Selbstermutigung – dieses Protokoll eines sprachlosen Schriftstellers offenbart, was es bedeutet, mit so quälend genauer Selbstwahrnehmung wie der Schädlichs geschlagen zu sein. Was es an psychischer Kraft kostet und was es an literarischer Wirkung einträgt: Beklemmung mit einem Zug ins Leichte und Heitere, wenn es so etwas denn geben kann.

„Versuchte Nähe“, die erste Veröffentlichung Schädlichs (1977) entstammte thematisch ganz der DDR; der Text „Irgend etwas irgendwie“, mit dem Schädlich protokolliert, wie er von neuem „schreiben lernen“ mußte, ist datiert von 1982. Seine Erzählung „Mechanik“ aus dem Jahr 1985 signalisiert nach dem langen Schweigen des Autors dessen Ankunft bei Themen, die sich nicht mehr ihrer Ost- oder West-Herkunft nach identifizieren lassen, aber gleichwohl mit dem zu tun haben, was die Ost-West-Spaltung bedeutet. Nun allerdings aus einer höheren oder vielmehr „tieferen“ Sicht, die nicht mehr nur die Konsequenzen, sondern auch die Ursachen des politischen Geschicks der Deutschen in ihrem privaten Alltag aufspürt. Als Ost- und West-Autor ist Schädlich für diese Umkehrung des Blickwinkels prädestiniert, unter dem die Opfer deutscher Geschichte nun auch als deren Subjekte erscheinen. Denn wohl erst der Vergleich des langweiligeren DDR-Fatalismus mit dem flotteren BRD-Fatalismus fördert Einsichten zutage, wie sie der Erzählung „Mechanik“ innewohnen, auf eine höchst kunstvolle Weise innewohnen. Der Form nach ist der Text das Protokoll von Aussagen Familienangehöriger zum Euthanasie-Tod des jungen Mannes Fritz. Schädlich hat die dumpfe, knappe, mit kruden Absonderlichkeiten gespickte Sprache der Zeitzeugen verdichtet zu einer Kunstsprache, die das bedrückend Resignierte dieser Auskünfte bewahrt. Aber eben nicht als Ausdruck von Trauer oder Reue, sondern als normalen Unterton, mit dem eine deutsche Familie ihre Geschichte erzählt, als könne sie sich jederzeit wiederholen, „Mein Vater war nicht so, daß er mit den Ärzten gesprochen hätte. So war der nicht. Erstens war die Anschauung, daß man n irren Sohn hat, das ist ne Schande. Zweitens war mein Vater nicht der Mensch, der so interessiert war, der menschlich so interessiert gewesen wäre. Der hat nicht mit den Ärzten gesprochen.“ Schädlich läßt den dumpfen Sog deutschen Bodens spürbar werden, der ein Irrlicht wie diesen Fritz einfach verschluckte. Das Euthanasiegesetz erscheint in dieser Sicht nur als begünstigender Begleitumstand, nationalsozialistischer Alltag einer stumpfen, gehorsamen Mentalität erschreckend angemessen.

In seinem Band „Ostwestberlin“ gibt Hans Joachim Schädlich indirekte biographische Selbstauskunft. Auskunft über einen isolierten Sprachlosen, der in einem dunklen Hinterzimmer ebenso verloren zu gehen droht wie jener, der sich im Großstadttaumel forttreiben läßt, der sich auflöst in sich auflösenden Bedeutungen. Könnten das des Autors eigene Entwicklungsstufen sein, die ihn aus quälender Selbstbetrachtung heraus- und hinführen zum Schicksal anderer, zu jenem kunstvoll genauen Protokoll der „Mechanik“ einer deutschen Familiengeschichte? Martin Abrends

Hans Joachim Schädlich:

„Ostwestberlin“

Prosa; Rowohlt Verlag, Reinbek 1987; 180 S., 26,– DM