Um mehr Devisen einzunehmen, möchte die ČSSR mehr Touristen aus dem Westen anlocken. Deshalb hat die Regierung eine neue Fremdenverkehrsstrategie entwickelt.

Daß ein sozialistisch-biederes Urlaubsangebot Westtouristen nicht gerade begeistert, haben die Verantwortlichen in der ČSSR gemerkt. Der Leiter für Auslandstourismus im Außenhandelsministerium, Oldrich Freidinger, stellte jüngst auf einer Veranstaltung in Frankfurt selbstkritisch fest, die CSSR-Regierung habe lange Zeit fast ausschließlich den Sozialtourismus der eigenen Bürger gefördert und darüber die Entwicklung des kommerziellen Urlaubsgeschäftes viel zu sehr vernachlässigt.

Vor zwei Jahren haben die tschechoslowakischen Touristiker eine Bestandsaufnahme erarbeitet und anschließend ein „Fremdenverkehrskonzept 2000“ entwickelt. Es ist im Mai von der Regierung und vom ZK gebilligt worden und dürfte, wenn es denn wirklich umgesetzt wird, die Fremdenverkehrsstrukturen gründlich umkrempeln.

Tourismus, erklärt Oldrich Freidinger, sei nach diesem Konzept nun ein besonders zu fördernder Zweig der nationalen Volkswirtschaft, bisher habe er lediglich zwei bis drei Prozent der Exporteinnahmen an Westdevisen ausgemacht. Zwar gibt es in der ČSSR eine Vielzahl verschiedener Reisebüros, Veranstalter und anderer Anbieter, diese jedoch sollen zukünftig noch wesentlich unabhängiger arbeiten können, sich, so Freidinger, allein an gewinnstrebenden Zielen orientieren.

Die Tourismusleitung, die früher von zwei verschiedenen Organisationen in der Tschechei und in der Slowakei wahrgenommen wurde, ist bereits seit einiger Zeit im Außenhandelsministerium zusammengeschlossen. Eine der ersten Maßnahmen dieser neuen Leitung war die Propagierung sogenannter Jointventures auf dem Hotelbausektor. So entstehen bereits die Forum-Hotels in Prag und Bratislava in Zusammenarbeit mit österreichischen Firmen. Bis 1990, erwartet Freidinger, werde sich dadurch die Bettenzahl in Prag um 2500 erhöhen, bis zum Jahre 2000 sogar verdreifachen. Gleichzeitig werden Serviceeinrichtungen, beispielsweise Imbißgaststätten, Restaurants oder Kneipen, zunehmend reprivatisiert, außerdem Privatleute dazu animiert, mehr Zimmer für Touristen zur Verfügung zu stellen. „Diesbezüglich“, weiß Oldrich Freidinger, „liegen bei uns noch viele Ressourcen brach.“

Kurzfristig will die ČSSR die Einreisemodalität für Bundesbürger verbessern. Bereits von Januar an gilt ein Transitvisum für die Durchreise 48 statt wie bisher 24 Stunden. Ab 1989 wird dann an einem Grenzübergang zur Bundesrepublik die direkte Visumerteilung erprobt, um sie danach Schritt für Schritt an allen Übergängen einzuführen. Wunsch der Touristiker, versichert der Bonner CSSR-Konsul Kubisch, sei natürlich die vollständige Abschaffung der Visumpflicht und insbesondere auch des Pflichtumtauschs für Individualreisende. Doch dazu bedürfe es noch umfangreicher, bilateraler politischer Verhandlungen.

Als weiteren wichtigen Punkt des neuen Tourismuskonzepts nennt Oldrich Freidinger die Verstärkung der Werbung im Ausland. Deswegen sei für 1989 die Eröffnung eines Tschechoslowakischen Fremdenverkehrsamtes in Frankfurt geplant, allerdings noch nicht endgültig entschieden. Bisher wird die ČSSR bei uns touristisch vom größten Reiseveranstalter des Landes, von Cedok-Reisen, vertreten.