Von Volker Hage

Erinnern wir uns: Im Sommer 1961 wagte es ein New Yorker Verleger, Henry Millers Roman „Wendekreis des Krebses“ im Heimatland des Schriftstellers zu publizieren – dreißig Jahre, nachdem das Werk geschrieben worden war (eine Ausgabe in englischer Sprache konnte 1934 nur in Paris erscheinen). Es war ein Wagnis. Der Verlag Grove Press richtete sich auf gerichtliche Auseinandersetzungen ein, die auch nicht ausblieben. Es dauerte drei Jahre, bis das Oberste Bundesgericht für eine Freigabe entschied. Damit war in den Vereinigten Staaten der Durchbruch erzielt.

Zu Beginn der sechziger Jahre zeigte man sich auch in Europa (Frankreich war vorher die Ausnahme gewesen) liberal und aufgeschlossen. In Hamburg wurde vor dem Landgericht um die deutsche Ausgabe von Jean Genets „Notre-Damedes-Fleurs“ gerungen, in London vor dem Schwurgericht um D.H. Lawrences Roman „Lady Chatterley“ – ein Werk, das mehr als dreißig Jahre alt war. Das Ergebnis: Siege für die Freiheit der Kunst. Die Zeiten, da Staatsanwälte mit Aussicht auf Erfolg literarische Werke – wie einst Schnitzlers „Reigen“ oder Flauberts „Madame Bovary“ – verfolgen konnten, schienen ein für allemal vorbei zu sein. In den sechziger Jahren wurden zudem einige wegweisende theoretische Schriften veröffentlicht: Ludwig Marcuses weitschweifige „Geschichte einer Entrüstung“ mit dem Titel „Obszön“ etwa oder Susan Sontags prägnanter Essay über „Die pornographische Phantasie“, worin die Amerikanerin erklärte: „Fest steht, daß es, wenn auch vielleicht selten, schriftstellerische Werke gibt, die allem Anschein nach mit Fug und Recht pornographisch genannt werden können – sofern dieses abgegriffene Wort überhaupt etwas besagt –, und denen dennoch ihre Anerkennung als seriöse Literatur nicht versagt werden kann.“

Was aber heißt: seriöse Literatur? Verlieren Darstellungen sexueller Aktivität innerhalb eines Kunstwerks ihren pornographischen Charakter? Und was ist mit den rein pornographischen Werken? Kann man sie einfach ignorieren?

Lange Zeit ist darüber nicht mehr gesprochen worden – als wäre die Praxis der Liberalität das Normale schlechthin. Günther Anders staunte schon vor zehn Jahren im zweiten Band seiner „Antiquiertheit des Menschen“ darüber, daß sich niemand mehr wundere: „Zwar ist die Tatsache, daß das Sexualtabu nach Jahrtausenden seiner Herrschaft innerhalb von zwei oder drei Jahrzehnten total gelöscht werden konnte, niemandem unbekannt. Aber außer von ein paar prüden Frauenvereinen wird diese Löschung von niemandem als das erkannt, was sie tatsächlich ist: nämlich als eine der epochalsten Revolutionen in der Kulturgeschichte der Menschheit.“

Total verschwunden ist das Tabu allerdings bis heute nicht. Weder können pornographische Filme in jedem Kino gezeigt, noch entsprechende Bilder an jedem Kiosk verkauft, noch Bücher obszönen Inhalts uneingeschränkt angeboten werden. Zeitungen können zwar Bilder von Verstümmelten, Ermordeten, Gefolterten oder Verunglückten ohne Probleme veröffentlichen, nicht aber unverhüllte Detailaufnahmen eines Liebesaktes. Die Pornographie ist verbreitet und zugänglich wie in keinem Jahrhundert zuvor, anzuschauen und zu erwerben ist sie jedoch ausschließlich in speziellen Läden oder Clubkinos. Erotische Literatur ist für jedermann, also auch für Jugendliche, nur so lange erhältlich, wie sich ihr Kunstanspruch rechtfertigen läßt; die Zahl der Versuche von Staatsanwälten, Bücher zu indizieren, hat in der vergangenen Zeit wieder zugenommen – schon vor der neuen Pornographie-Diskussion: Zuletzt traf es hierzulande Autoren wie Guillaume Apollinaire und Henry Miller, die man längst als Klassiker einzuschätzen gewohnt war. In beiden Fällen konnten die Behinderungen des Verkaufs gerichtlich abgewiesen werden – vorerst.

Ist die Liberalität im Umgang mit solcher Literatur nicht mehr wünschenswert? Gilt vielleicht auch für Texte: Nein zur Pornographie?