Im Jahr 1972 entließ Johannes Rau, damals Minister für Wissenschaft und Forschung, Joseph Beuys, Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, wegen Hausfriedensbruchs. Im Jahr 1984 wurde Joseph Beuys, der in diesen Jahren wohl gerühmteste lebende Künstler und damals Mitglied der „Grünen“, die Einreise in die DDR verweigert. Im Jahr 1988 reist Johannes Rau, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen und verhinderter Bundeskanzler, nach Ost-Berlin, um dort eine Ausstellung mit frühen Zeichnungen von Joseph Beuys zu eröffnen. „Die Ausstrahlung seines Wirkens,“ schreibt Rau über Beuys im Katalog, „konnte mit seinem Tode im Januar 1986 nicht erlöschen.“ Das ist gut. Aber noch besser ist es, daß man Beuys hat und sich doch nicht mehr vor ihm fürchten muß. Denn er war unser. Und so läßt Johannes Rau sich eine Beuys-Ausstellung machen, nicht in einem der renommierten Museen oder Ausstellungsinstitute seines Landes, sondern in der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen in Bonn (das ja seinerseits in Nordrhein-Westfalen liegt), auf quasi präsidentialem Hoheitsgebiet also hatte die Veranstaltung ihre Vor-Premiere, um dann mit Aplomb nach Ost-Berlin gebracht zu werden.

Eine gute Gelegenheit, Erich Honecker die Aufwartung zu machen. Johannes Rau und Erich Honecker vor den Fernsehkameras. Vom Kunstbegriff bei Beuys wird, wieso auch, wohl nicht die Rede gewesen sein. Später bei der Eröffnung dröhnen und tönen die Deutschen von hüben und drüben. Vollmundig hier, spitzmundig dort, wo das Wort von Manfred Wekwerth, dem Präsidenten der Akademie der Künste, zur immer wieder zitierten Parole geworden ist: „Persönlichkeit und Werk (von Joseph Beuys) zeigen eine Haltung, die wir in entscheidenden Fragen teilen, in anderen achten können.“ Vom „Gast aus der Fremde“ spricht ein anderer DDR-Festredner, und eigentlich hat er für alle gesprochen.

„Beuys vor Beuys“ heißt die Ausstellung, die von drei Museumsleuten aus Ost und West (Werner Hofmann von der Hamburger Kunsthalle, Klaus Gallwitz vom Frankfurter Städel-Museum und Werner Schade vom Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen Ost-Berlin) aus der Sammlung der Brüder van der Grinten ausgesucht worden ist. Die van der Grintens waren die Beuys-Sammler der ersten Stunde: Schon in den fünfziger Jahren brachten die jungen Studenten die Blätter mit ins kunsthistorische Seminar der Bonner Universität und zeigten sie den leicht entgeisterten Kommilitonen. Für die Bauernsöhne vom Niederrhein war Beuys immer das Wunder und der vertraute Nachbar und Freund zugleich. Beuys vor Beuys: der etwas preziöse Titel ist auch mißverständlich. Gemeint ist der frühe Beuys, gemeint sein könnte aber auch eine Produktion, die dem Hauptwerk voranging.

Die Zeichnungen, Aquarelle, ölstudien und Collagen, die in Bonn noch in thematische Gruppierungen wie „Tier und Bewegung“, „Naturgeschehen“ oder „Figur und Physiognomie“ gefaßt waren, sind in Ost-Berlin ganz sich selber, beziehungsweise der Neugierde und Geduld des Betrachters überlassen. Das erleichtert zwar den Zugang nicht gerade, ist aber ehrlicher. Denn wie schon Titel wie „Naturgeschehen“ zeigen, lassen sich für sehr viele von Beuys’ Arbeiten gar keine präzisen Oberbegriffe finden, stolpern thematische Zuordnungen erfolglos her hinter seinen eher den Empfindungen und Anmutungen als den Themen oder gar Techniken verpflichteten Zeichnungen.

Als zum Kapitel der „nordischen Zeichnungen“ gehörend beschreibt Werner Schade die Zeichenkunst von Joseph Beuys, und Werner Hofmann führt diesen Gedanken quasi fort, wenn er mit den Begriffen Stilisierung und Abstraktion zwei formale Möglichkeiten der modernen Handzeichnungen nennt und durch die Beispiele Picasso (die Abstraktion arbeitet zielstrebig, induktiv) und den Beuys-Lehrer Mataré (die Stilisierung arbeitet deduktiv, paraphrasierend) die für Beuys entscheidende Herkunft und Attitüde deutlich macht. An den über zweihundert Blättern aus der Sammlung van der Grinten, entstanden zwischen 1943 und 1968, ist auch kaum das, was man in einem linearen Sinne Fortschritt oder Entwicklung nennen könnte, abzulesen, eher eine immer intensiver werdende Sensibilität, die zunehmend freier wird in der Wahl ihrer Materialien und Sujets. Dabei ist die oft erwähnte Wahl der sogenannten „armen“ Materialien, das Zeichnen und Tuschen auf schon bedrucktem oder gerissenem Papier, nicht so sehr ein Hinweis auf das rastlose oder spielerische Genie, in der Wahl dieser Bildträger und der gelegentlichen Nutzung ihrer vorgegebenen Zeichen bestätigt sich vielmehr Beuys Hang zur Mythologisierung des Banalen wie auch der letzlich skizzenhafte Charakter der meisten Zeichnungen.

Ein mit wenigen sicheren Strichen skizziertes Tier, ein in suchenden Umrissen eher empfundener denn gestalteter Frauenakt, eine mit dunklen Blöcken angedeutete, raumplastische Situation, ein zartes Knäuel von porösen Bleistiftstrichen, aus denen ein langes, abgewinkeltes Bein herauszuwachsen scheint (das Blatt trägt den Titel „Schock“): setzt man diese Blätter, denen die Brüder van der Grinten zu Recht eine „höchst spezifische Gleichung von Rohheit und Sensibilität“ nachsagen, nicht einer falschen Erwartung aus, wenn man sie unter dem Oberbegriff Zeichnung subsummiert? Ist nicht das zeichnerische Werk von Beuys, in dem die Zeichnung sich weder als Studie noch als abgeschlossenes ästhetisches Produkt verselbständigt, zutreffender mit dem Begriff Skizze gekennzeichnet? Gerade im Zusammenhang von Beuys ist das, was wie eine begriffskategorische Spitzfindigkeit aussieht, eher eine Auskunft über die künstlerische Intention, die immer auf Offenheit und Vieldeutigkeit (auch das ein Charakteristikum der „nordischen“ Komponente), nie auf ästhetische oder inhaltliche Eindeutigkeit aus war.

Joseph Beuys, begleitet von Johannes Rau, in Ost-Berlin: wenn man von der Komik, die in diesem von Überlebenden und Politikern so selbstbewußt zur Schau gestellten „Lernprozeß“ liegt, einmal absieht, bleibt das Ereignis noch denkwürdig genug. Denn natürlich und trotz der Sprachregelung von Wekwerth bleibt Joseph Beuys als Mensch und als Künstler eine Erscheinung, die auch nach gewissen Lockerungsübungen in das Kunstverständnis der DDR nicht hineinpaßt. Ein „widerspruchsgeladenes Œuvre“ konstatierte der DDR-Chefkunsthistoriker Peter Feist, aber auch junge DDR-Bürger äußerten sich durchaus kritisch zu diesen Arbeiten, an denen sie fast alles das vermissen, was der eigene ästhetische und ideologische Kanon vorgibt.

Beuys vor Beuys in Ost-Berlin: man kann sich freuen über diesen ersten Auftritt. Aber man muß hinzufügen, daß hier auch Beuys neben Beuys ausgestellt ist, ein entschärfter, um Fett und Filz reduzierter Beuys, dessen Vorstellung mit einer Veranstaltung wie dieser nur präludiert ist. Wie Beuys nach Beuys aussieht, wird man vom 20. Februar an in West-Berlin sehen, wo zum erstenmal nach seinem Tod eine große Ausstellung der Environments und Skulpturen zu sehen sein wird. Mit diesem Beuys können DDR-Bewohner zur Zeit nur im West-Fernsehen Bekanntschaft machen. (Akademie Galerie Marstall bis 6. März – montags und dienstags geschlossen, später in Leipzig, Frankfurt, Hamburg; Katalog 58 DM, 30 DM-Ost) Petra Kipphoff