La medesima strada“ – derselbe Weg. Vom Vorsokratiker Heraklit ist der Satz „Der Weg hinauf ist derselbe“. Ein Theaterabend am Piccolo Teatro in Mailand, inszeniert vom Meister des Fragments, Klaus Michael Grüber. „La medesima strada“ von Sophokles, Heraklit, Parmenides, Empedokles, eingerichtet von Gilles Aillaud (dem Maler), Jean Christophe Bailly (dem Dramaturgen, wenn es so etwas in Frankreich und Italien gibt) und Grüber. Eineinhalb Stunden knapp ist dieses Bilder-, Worte- und Denkstück, zusammengesetzt aus Sophokles’ „Antigone“ und Sätzen, Bruchstücken der ersten Philosophen, der Vorsokratiker. Die Bühne ist Ort der Gedanken, der Sprache, der Bilder. Rasch und leicht zieht der Abend vorüber, eine flüchtige Begegnung von Philosophie und Tragödie auf derselben Straße. Eine Piazza ist das, in südlicheren Gefilden, in Mailand im Studio des Piccolo Teatro, dem ehemaligen Teatro Fossati. Ein langgehegtes Unternehmen von Klaus Michael Grüber: Ursprünglich sollten die Vorsokratiker durch Sizilien ziehen; jetzt also in Mailand. „Derselbe Weg“ bezeichnet die Nahtstelle zwischen Tragödie und Philosophie.

Zurück zur Piazza. Eine Straße, ein mediterraner Platz, getrennt durch ein freies Rund von den Zuschauerreihen; ein Café, ein Amphitheater, ein Ort der öffentlichen Begegnung. Der helle Raum setzt sich aus Bruchstücken zusammen, Zitaten aus Grübers früheren Arbeiten, dem Antikenprojekt der Schaubühne, „Hyperion“ im Olympiastadion, „An der großen Straße“ von Tschechow.

Die „große Straße“ ist hier auf der Piazza antike Szene vor einer südlichen Fassade (geschlossene Türen, geschlossene Fenster). Das Café ist Innen und Außen zugleich, bevölkert von dunkelgekleidetem Volk, das Zeitung liest, Domino spielt. Die Stufen eines Amphitheaters umfrieden den Platz, sie sind auch Ort für das Feuer, den glühenden Amboß, für die Säcke, welche die Esel durchs Gebirge schleppen. Der Boden ist uneben, reflektiert Mond und Wasser. Das Licht immer Zwielicht, im Tag liegt schon der Abend, die Nacht ist gleißend blau. „Und aus allem Eins und aus Einem Alles“, sagt irgendwann Heraklit.

Die Tragödie: Antigone. Sie hat gegen das Gesetz verstoßen, weil sie gegen das Verbot Kreons ihren im Bruderzwist erschlagenen Bruder begraben hat. Gezeigt wird das Streitgespräch zwischen ihr und Kreon (Umberto Ceriani), sie wird zum Tod verurteilt. Schatten stehen auf der weißen Wand, es könnten Zypressen sein, es sind die Schatten der Personen, eingebrannt in die Mauer. Antigone und Kreon verschwinden oft ganz in ihnen, nur eine Hand ragt heraus. Kreons Schatten färbt sich feuerrot; Kreon bleibt unbeweglich, ist Sprachrohr des Gesetzes, der Macht, abstraktes Argument. Lebendig ist die Anarchistin, die Rebellierende, die auf ihrem Gesetz, ihrem Glauben, ihrer Liebe besteht. Sie stellt sich in den Schatten, als suche sie sich in ihm aufzulösen.

Die Sprache. Angela Winkler spielt Antigone. Ihr Sprechen ist schmerzhaft unitalienisch, rauh. „Es zeigt die schroffe Art des Vaters sich im schroffen Kinde.“ Ihre Worte sind etwas Fremdes, nichts, was ihr selbstverständlich von den Lippen ginge. Für italienische Ohren mag das noch verletzender klingen – die Sprache wird zur Fremdsprache, schärft das Gehör. In Antigone ist Unvereinbares; kindlich unbeirrt ist sie, sie weiß, daß sie sterben muß, und es zerreißt sie fast. Sie stößt einen Schrei aus. Dann kommt sie über den Platz, setzt den Fuß auf die Stufen, die zum Zuschauer führen: „Seht, was ich dulden muß und von wem, weil ich Heiliges heilig gehalten.“ Blitze zucken, sie läuft ihnen entgegen. War es ein Herzschlag, dieses rhythmisch dumpfe Pochen, das wie Musik unter der Szene lag?

Die Vorsokratiker. Der Anfang des Denkens. Das Licht wird südlich, das Café füllt sich. Ein Marktkarren wird hereingefahren, ein Kind verkauft Nüsse und Pistazien. Das Feuer der Schmiede wird angefacht. Geräusche von Zikaden und Hundebellen. Heraklit (Tino Carraro) trägt die Fellweste eines Hirten. Er ruft die ersten Worte durch ein Megaphon, aber er bleibt allein, wendet sich den Leuten nicht zu. „Gemeinsam ist Anfang und Ende beim Kreisumfang.“ Wie Steine setzt er Gedanken in die Welt. Abseits des Cafés sitzt er mit einem Knaben an einem Tisch. Autoreifen quietschen, da springt das Volk auf und spitzt die Ohren. Skandalsüchtig. Dem Denker hören sie ja nicht zu. „Esel würden Häckerlinge dem Golde vorziehen.“

Parmenides (Lino Troisi), im langen, hellen Mantel, kommt aus dem Café; der Platz wird nachtblau, der Mond leuchtet hell auf der Hauswand, das Café leert sich. Heult jetzt nicht der Hund wie ein Kojote? Einsam ist Parmenides auf den Rossen seiner Phantasie. „Der Mond ein leuchtendes um die Erde irrendes fremdes Licht.“ Die Sonne sei nicht größer als ein Fuß. Ohne Tag ist Nacht nicht denkbar, nichts ist denkbar, was es nicht gibt. Die Dichter-Denker urteilen nicht, aber sie sind wie Antigone: Das Herz bestimmt das Denken. „Denn das den Menschen ums Herz wallende Blut ist ihnen die Denkkraft“, sagt Empedokles (Raf Vallone).