Nicht nur Hanau, auch Lübeck ist in die Schlagzeilen geraten, seit belgische Grüne behauptet hatten, bombentaugliches Material sei über den Hafen der Hansestadt an der Ostsee außer Landes gebracht worden. Ob jemals Bombenmaterial über Lübeck verschoben wurde oder nicht – fest steht, daß der Ostseehafen längst zu einer Drehscheibe des atomaren Transportkarussells geworden ist:

  • Ausgediente Mischoxid-Brennelemente aus deutschen Kernkraftwerken werden über den Skandinavienkai ins schwedische Zwischenlager CLAB nach Oskarshamn „entsorgt“.
  • Uranhexafluorid aus sowjetischen Anreicherungsanlagen, ein Vorprodukt des Kernbrennstoffs, gelangt von Riga über Hamburg und Lübeck zur Brennelementefabrik der schwedischen Staatsfirma ASEA-Atom. Grund für den Umweg über den Nord-Ostsee-Kanal: Es gibt keine direkte Fährverbindung Riga – Schweden.

Trotz des intensiven deutsch-schwedischen Atomverkehrs ist Lübeck nur ein kleiner Verladehafen im internationalen Geschäft mit Atomtransporten. Denn kein Kernkraftwerk gibt eine Kilowattstunde Strom ab, ohne daß der atomare Brennstoff, seine Vor- und Folgeprodukte, per Schiff, Bahn, Lastwagen und Flugzeug über tausende Kilometer, über Staatsgrenzen und von Kontinent zu Kontinent, oft durch dicht bevölkertes Gebiet, befördert wird.

Die Transportpreise sind mit etwa vier Prozent lächerlich gering im Vergleich zu allen anderen Kosten der Kernenergienutzung. Deshalb macht es den Atommanagern auch nicht viel aus, die gefährliche Ladung zur Weiterverarbeitung mal eben in die Sowjetunion oder die Vereinigten Staaten zu schippern. Auch der internationale Handel mit Kernbrennstoffen, einschließlich einsatzbereiter Brennelemente, blüht. Die Produktionskapazität liegt weltweit mehr als fünfzig Prozent über der Nachfrage. Das fördert die Konkurrenz und den Handel.

Doch je öfter der Stoff, aus dem der Atomstrom kommt, auf die Reise geht, desto größer sind auch die Gefahren – durch Unfälle, durch Sabotage, durch Diebstahl oder einfach durch Schlamperei:

  • 1968 verschwindet spurlos eine Schiffsladung mit 200 Tonnen Natururan, vermutlich nach Israel.
  • Am 14. Januar 1987 knallt ein mit Uranhexafluorid beladener LKW auf der Rheintalautobahn südlich von Freiburg gegen die Leitplanke.
  • Im Gerätelager einer US-amerikanischen Fabrik wird im April 1981 hochangereichertes Uran gefunden, das schon Ende der sechziger Jahre vermißt worden war.
  • Mit einer roten Taschenlampe stoppen Maskierte im Februar 1980 nahe der französischen Stadt Bayeux einen Atomtransport auf seiner Fahrt zur Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague. Die Täter sind Atomkraftgegner, die beweisen wollen, wie leicht auch ein Uberfall möglich ist. Wie oft und wie weit Uran und seine Folgeprodukte transportiert und damit der Gefahr von Unglücken ausgesetzt werden, weiß niemand ganz genau. Die Internationale Atomenergie-Behörde (IEAO) in Wien geht weltweit von etwa zehn Millionen Transporten aus. Zehn Prozent davon, also eine Million Transporte, seien zum nuklearen Brennstoffkreislauf zu rechnen. Allein die Bundesrepublik hat 1986 über zweieinhalbtausend Tonnen verschiedenster Kernbrennstoffe eingeführt und fast fünfeinhalbtausend Tonnen exportiert.

Ein „Geschäft voller Gefahren“ nennt die Umweltschutzorganisation Greenpeace den weltweiten Atomtransport. Mit diesem Urteil stehen die kämpferischen Umweltschützer nicht einmal allein. Im Rahmen des von der Bundesregierung finanzierten Projektes „Sicherheitsstudien Entsorgung“ kam ausgerechnet die Hanauer Firma Transnuklear zu der Erkenntnis, daß Transporte den vergleichsweise größten Beitrag zum Gesamtrisiko der Entsorgung leisten.