Der Starke, behauptet Schiller, ist am mächtigsten allein. Wenn stimmt, was Schiller behauptet, ist der mächtige König Philipp der ohnmächtigste aller Menschen. Denn er ist niemals allein. Ein Gespenst verfolgt ihn – nicht in den Träumen, sondern leibhaftig, bei Tag und bei Nacht.

Benno Ifland spielt den König, Marcelo Uriona den Schatten des Königs. Ein unzertrennliches, siamesisches Paar. Das Gespenst umschlingt seinen König mit nackten Armen von hinten, es gestikuliert für ihn, es knetet des Herrschers Hände, umklammert seine Brust, würgt seinen Hals, krallt sich auch mal ins königliche Geschlecht. Der schwarze Schattenmann fesselt den König, lenkt ihn, äfft ihn nach: Doppelgänger, Würgeengel, Gespenst der Unfreiheit.

Ifland und Uriona (die gewiß eine unvergeßliche Probenzeit hinter sich haben) führen den alptraumhaften Pas de deux mit größter Hingabe und beträchtlicher Virtuosität vor – und werden am Ende (endlich jeder allein!) herzlich gefeiert.

Dabei ist dieser kühnste Einfall des Regisseurs Werner Schroeter keineswegs der allerneueste. In Edward Bonds „Trauer zu früh“ schleppte Prinz Arthur das Skelett seines toten Bruders George auf dem Rücken; in Thomas Braschs „Lieber Georg“ trug der Dichter Georg Heym seinen Vater ächzend über die Bühne. Und schon die deutsche Romantik war bevölkert von Schattengehern, Schattendieben, Doppelgänger-Gespenstern.

Einmal nur wird König Philipp seinen Würger los – bei jener Szene, in der er zum ersten und einzigen Mal in seinen königlichen Grüften den Luftzug der Freiheit verspürt, beim großen Disput mit Marquis Posa (Ludwig Boettger). Da spürt der bittere König plötzlich nicht nur Gedankenfreiheit, sondern auch Leibesfreiheit und entsteigt entschlossen seinen Kleidern. Doch, oh Graus, sein Gespenst tut es auch. Und am Ende der hitzigen Szene ist Philipp schon wieder fest im Würgegriff seines Schattens – und bleibt es bis zum eisigen Ende.

Nach einigen eher halblebigen, durch Stilisierung ausgebleichten Klassiker-Aufführungen (wie der „Komödie der Irrungen“ in Berlin oder „Leonce und Lena“ in Bremen) geht Werner Schroeter diesmal furios aufs Ganze. Seine Schiller-Inszenierung wagt sich auf einen heiklen Grat – nur einen Schritt ist es von hier hinauf ins Erhabene, nur einen hinunter ins Lächerliche. Nur einen Schritt noch zur Großen Oper, nur einen bis zur Freak- und Horrorshow.

Eine steile Brücke aus Gitterdraht führt von der leeren, rechtwinkligen Bühne über die Köpfe der Parkettbesucher hinweg, hinauf auf den Rang des kleinen Bremer Schauspielhauses. Alberte Barsacqs Bühne, der schräge Gitterrost vor allem, wird zum Schauplatz (und zur Turnhalle) kaum jemals nachlassender Ekstasen. Es ist das komplette Leidenschafts-Repertoire des guten alten deutschen Stadttheaters, das Schroeter gläubig benutzt oder ungläubig ausbeutet. Rennen, Stürzen, Keuchen, Spucken. Durch Geschrei zur Größe. Und wenn dann der Sturm der Leidenschaften tobt, weht es die Menschen einfach um, wirft es sie zu Boden, schleudert es sie auf den eisernen Rost.