Von Marie-Luise Hauch

Franz, wo gehste denn hin? Hier sind wir.“ Franz Steinkühler hört die Rufe der Kollegen nicht. Er strebt eilig zum Ausgang des Betriebsratsgebäudes der Krupphütte in Rheinhausen. Dort sind Lautsprecher und Mikrophon für ihn aufgebaut, dort vermutet der erste Vorsitzende der IG Metall auch die Belegschaft.

Doch draußen vor der Tür steht niemand. Der Betriebsratsvorsitzende Manfred Bruckschen gerät fast in Panik: Da kommt der Boß der IG Metall nach Rheinhausen, und kein Kruppianer will ihn sehen?

Ganz so schlimm ist es zwar nicht, aber fast. Nur wenig mehr als fünfzig Stahlarbeiter warten auf ihren obersten Metaller – drinnen im Konferenzsaal. Das ist dem Spitzenfunktionär in der Hektik entgangen. Die Szene ist beinahe symbolhaft. Franz Steinkühler weiß nicht mehr so genau, wo seine Truppen in Rheinhausen stehen.

Während Betriebsrat und Gewerkschaftsführer fast anderthalb Stunden hinter geschlossenen Türen verhandelt haben, sind die Arbeiter eingetrudelt, in kleinen Grüppchen, zögernd und mißgelaunt. „Was hat der uns denn noch überhaupt zu sagen“, murren viele.

Im Mahnwachenzelt vor Tor eins der Hütte, das sich zum Kommunikationszentrum für die Rheinhausener entwickelt hat, wird die Nachricht vom Steinkühler-Besuch sogar mit offenem Hohn quittiert. „Isser endlich vonnen Bahamas zurück“, kommentiert ein Kruppianer abfällig. „Zehntausende haben lange sehnsüchtig auf ihn gewartet. Jetzt kommt er heimlich. Hat er vielleicht Angst vor uns“, fragt bitter ein älterer Mann. Die Idee, andere Kollegen telephonisch von dem kurzfristig anberaumten Besuch zu informieren, wird nach kurzer Diskussion verworfen. Daß Steinkühler zunächst fast zwei Wochen – bis zum 10. Dezember – gezögert hatte, bevor er in Rheinhausen auftauchte, und daß er sich erst am Donnerstag vergangener Woche wieder blicken ließ, verzeiht ihm hier keiner.

Der Gewerkschaftsführer muß zwar keine Angst davor haben, daß ihn die Stahlarbeiter mit Eiern bewerfen. Aber der Unmut über ihn wächst bei der Rheinhausener Basis von Tag zu Tag. „Die Kollegen fühlen sich von ihm im Stich gelassen, sie sind wütend“, sagt die Ex-Betriebsrätin Irmgard Chlebik.