Der italienische Außenminister Giulio Andreotti hat die deutschfranzösische Abmachung über einen gemeinsamen Verteidigungsrat kritisiert. In einem Interview für die Zeitung La Repubblica sagte der Christdemokrat unter anderem:

Ein schwacher Punkt Europas ist, daß es zwei Atomländer und andere nicht-nukleare Staaten umfaßt. Jetzt, in einer Phase der Weltpolitik, die darauf gerichtet ist, sich vom Atom zu befreien, schaffen wir eine theoretisch autonome Verteidigung Europas. Stehen die französischen und englischen Atomwaffen im kollektiven Dienst dieses Verteidigungskonzeptes? Nicht einmal Frankreich gelingt es, sich darüber einig zu werden. Mitterrand sagt: „Schlagt es euch aus dem Kopf, daß die force de frappe im Dienst anderer Länder stehen kann...“

Die beste Verteidigung Deutschlands besteht in der Fortführung einer guten atlantischen Politik und einer gewissen militärischen und allgemeinen Entspannung in der Welt. Ich bin kein Militärtechniker, aber diese force de frappe könnte sich auch als eine Art modernisierte Maginot-Linie herausstellen – mit allen Illusionen, die jene Maginot-Konzeption mit sich brachte. (Andreotti meint das 1929 bis 1932 gebaute Befestigungssystem an der Nordostgrenze Frankreichs, das 1940 von Hitlers Armeen durch den Einfall in Belgien umgangen wurde, d. Red.)

Ich bestreite, daß das wahre Problem des europäischen Zusammenhalts von der Schaffung einer autonomen europäischen Verteidigungspolitik abhängt, ja ich halte das für einen Irrtum. Wenn wir die Plattform von Helsinki verlassen und nicht mehr die Präsenz der Amerikaner und Kanadier als wesentlich für die europäische Verteidigung betrachten, dann riskieren wir, gewisse Tendenzen in Amerika zu ermutigen, die auch aus wirtschaftlich-finanziellen Gründen die amerikanische Präsenz in Europa vermindern möchten ...

Einerseits kritisiert man uns, wir... stimmten nicht genügend mit Amerika überein. Doch wenn wir uns in einer Sache, die ich für wesentlich halte, nicht im geringsten von Amerika unterscheiden, dann gelten wir fast als schlechte Europäer. Ich hielte ein Europa für schädlich, in dem es eine Serie A von Atomländern und eine Serie B von Nicht-Atomländern gäbe. Denn das liefe auf den Versuch hinaus, jenes Direktorium zu schaffen, gegen das wir immer gekämpft haben...

Ich befürchte keine Achse der Deutschen mit anderen Staaten, die uns ausschließt. Die Beziehungen mit Bonn sind ausgezeichnet. Ich kann Ihnen die Rede Genschers bei der Verabschiedung unseres Botschafters Ferraris über das Verhältnis zu Italien zeigen. Auch persönlich habe ich die beste Beziehung; so viele Komplimente wie in dieser Rede bekam ich noch nie – nicht einmal von meiner Frau.