Von Dietrich Strothmann

Jerusalem, im Januar

Noch sehe ich den Unteroffizier vor mir. Das Messer eines Achtzehnjährigen hat ihm die Nase aufgeschlitzt. Ein breiter Verband klebt quer über seinem Gesicht. Die Jugendlichen waren auf die israelische Patrouille zugegangen, hatten sie beschimpft, angespuckt. Die Soldaten wollten sie verscheuchen, ergebnislos. „Sie wissen ganz genau, daß wir uns nur dann gewaltsam wehren, wenn wir angegriffen werden.“ Dann flog das Messer. Die Jungen rannten weg, tauchten in den engen, verwinkelten Gassen des Flüchtlingslagers unter, erschienen ein paar Minuten später an einer anderen Stelle und forderten wieder Soldaten heraus.

Oder ich erinnere mich an den Wortwechsel eines Offiziers mit einem palästinensischen Journalisten, dessen Haus im Gaza-Streifen zum Stützpunkt für die Militäreinheit requiriert wurde. Auf die Frage des Reporters, was er wohl täte, wenn ein Araber sein Haus in Tel Aviv mit Waffengewalt in Beschlag nähme, antwortete der Leutnant kühl: „Ich würde ihn erschießen!“

Es gibt auch jene Soldaten, die lieber für einen Monat ins Gefängnis gehen, als auf Zivilisten schießen zu müssen. Oder jene Angehörigen einer Eliteeinheit der Fallschirmjäger, die freimütig bekennen, lieber noch einmal im Libanon zu kämpfen (wo damals auch viele den Dienst verweigert und dafür riskiert hatten, unehrenhaft aus der Armee ausgestoßen zu werden), als gegen jugendliche Flüchtlinge in Ramallah oder Nablus.

Seit Jahren förderten die israelischen Besatzungsbehörden in den Lagern die Organisationen, Moscheen und Propagandaaktivitäten der vom Iran gesteuerten und finanzierten Fundamentalismus-Prediger. Sie taten es, um gegen Arafat und seine Bewegung ein wirkungsvolles Eindämmungsinstrument in den Händen zu haben. Sie ließen sogar den Bau islamischer Hochschulen und die pädagogische Arbeit einst aus Kairo (nach fundamentalistischen Unruhen dort) ausgewiesener Studenten zu, die in Schulen, Jugendclubs und als Hilfskräfte in den Flüchtlingscamps den Aufstand allmählich vorbereiteten.

„Schießt doch“, rufen die fanatisierten Kinder, Steine in den kleinen Händen, den vorrückenden Soldaten zu. „Schießt doch“, schreien die Frauen und treten den patrouillierenden Posten entgegen. Manchmal hilft ein Wasserwerfer, ein Tränengasbehälter, aus einem Hubschrauber geworfen, manchmal auch nur eine Salve Gummigeschosse oder eine Kugel, die dann trifft, verwundet oder auch tötet.