Schweißperlen laufen Slalom auf den Stirnen der Direktoren des alpinen Skizirkus. Es fehlt an Schnee in diesen vorolympischen Wochen. Der Fahrplan der großen Weltcuprennen, mit Blick auf Calgary noch dichter gedrängt als sonst, ist durcheinandergeraten. Es wird improvisiert und umdisponiert, immer wieder ändert der Troß kurzfristig seine Marschrichtung. Klassische Skistationen haben ihre Rennen zähneknirschend absagen müssen; wo sonst Kitzbühel war, ist nun Bad Kleinkirchheim.

Das ist schlimm für die Sponsoren, die das viele Geld geben, um ihre Produkte zur rechten Zeit in der richtigen Kulisse zu sehen. Schlimm für die Manager der Skipools, die jedes Jahr aufs neue das viele Geld bei den Sponsoren lockermachen müssen. Schlimm für die Veranstalter, die viel Geld schon ausgegeben haben. Wer spricht da noch von Sport?

Zeit zum Nachdenken über den „Sport“, den sie da in den Bergen treiben, ist in diesem hektischen Kreislauf dann und wann allenfalls eine Schrecksekunde lang. Über allem steht das Diktat des Programms. Es will durchgezogen sein, was immer auch geschieht.

Kürzlich, im französischen Val d’Isère, geschah ein Unglück. Nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Rennen, aber unmittelbar davor: Der Fahrer eines Pistenfahrzeugs verlor die Gewalt über das Gerät, es prallte, 300 Meter oberhalb der Talstation, gegen einen Pfeiler der Gondelbahn, die gerade die ersten Läufer und Betreuer zum Start der Abfahrt beförderte. Ein Mast knickte, Gondeln sprangen aus der Führung, stürzten ab. Die Menschen darin wurden zum Teil schwer verletzt. Den Fahrer der Pistenraupe erdrückte sein Fahrzeug.

Ein schockierendes Erlebnis für alle, die Zeugen des Unglücks oder am eigenen Leibe betroffen waren, gefangen in blockierten Kabinen, bis der Helikopter sie befreite. Danach nahm das Rennen seinen Lauf, umständehalber ein bißchen verspätet. Bleich um die Nase, weich in den Knien, kamen die jungen Athleten ihrer verdammten Athletenpflicht und -schuldigkeit nach, im Augenwinkel die Stelle, an der sich Helfer noch immer um den tödlich Verunglückten bemühten.

Ob unter solchen Umständen ein Rennen nicht abgesagt, die Veranstaltung abgebrochen, zumindest auf den nächsten Tag verschoben werden sollte, ist man einen Augenblick lang versucht zu fragen. Doch weiß man im selben Moment, daß dies eine Frage von vorgestern, eine naive, eine lächerliche Frage wäre angesichts eines Sports, der auf dem besten Weg ist, sich zum Gladiatorentum zu verabsolutieren. Räumen sie auf Automobilrennstrecken nicht längst stillschweigend die Toten beiseite, um den Rennverlauf zu sichern?

Die Show muß weitergehen. „Wir Spitzenfahrer sind Profis und müssen versuchen, in solchen Situationen unsere Arbeit profihaft zu erledigen“, sagte in Val d’Isère Italiens Rennfahrer-As „Much“ Mair dem Reporter des Zürcher Sport. Nicht alle geben sich gar so ungerührt. Der Schweizer Peter Müller, mit über hundert Weltcup-Abfahrten ein gestandenes Mannsbild auf den Brettern, erst nach zehn panischen Minuten aus seiner verklemmten Gondel erlöst, hätte eine Absage des Rennens für angebracht gehalten.