Von Gabriele Venzky

Sie steht schon längst nicht mehr da, die kleine Handvoll Aktivisten der Jagrut Goenkaranchi Fauz (JGF) mit ihren schwarzen Fahnen, den Kuhfladengeschossen und dem verfaulten Fisch, mit denen sie den ersten Charter der Saison im November letzten Jahres begrüßt hatten. Dafür sorgt schon die Polizei. Mit aufgepflanztem Bajonett verweigert sie selbst unschuldigen Abholern den Zutritt zum Flughafen Dabolim. Taxis werden sorgfältig durchsucht, jede alte Farbdose als verdächtiges Objekt geöffnet.

Jeden Samstag wiederholt sich dieses Ritual, denn samstags kommt der Condor-Charter aus Deutschland. Neuerdings muß die Mini-Armee auch jeden zweiten Freitag anrücken, dann kommen die Briten, und bald schon gibt es ein drittes Mal Dienst, denn dann kommen die Russen.

Dafür brauchen die schwitzenden Ordnungshüter mit ihren museumsreifen Enfield-Schießprügeln zum Glück nicht mehr, auf den Freitagsmarkt nach Mapusa zu fahren. Denn auch dorthin waren sie zum Schutz der Touristen abkommandiert worden, eine hochgefährliche Mission, denn wer wußte schon, was die JGF – die Armee der Goa Vigilantes – zwischen Gemüse, Fisch, Schweinswürsten und Unterhosen im Schilde führte. Allem Anschein nach war es nichts. Die Lage hat sich beruhigt. Aber das Problem ist keineswegs aus der Welt.

Goa ist wohl das paradiesischste Stückchen Erde, das Indien zu bieten hat. Vor allem für Menschen, die aus dem Winter kommen und von kilometerlangen leeren Sandstränden, sanft wogenden Palmenwipfeln, Sonne und einem blauen Meer träumen. Goa hat all das und noch viel mehr: weißgeschlämmte Barockkirchen, propere Hindutempel, Kaskaden von Blüten, die sich über Mauern und Gärten ergießen, malerische Dörfer, in denen die Menschen auf ihren balcäos und Veranden die Abende verbringen, leuchtendgrüne Reisfelder und schnaubende Büffelherden, die zusammen mit der Tröte des Bäckerjungen das Morgengrauen ankündigen.

Die Hippies hatten schon immer ein sicheres Gespür dafür, wo es besonders schön war auf der Welt. Und so fielen sie in den sechziger Jahren ein in Goa, und mit ihnen kamen die Drogen und die Kriminalität. Damals erhielt das Bilderbuchparadies wohl seinen ersten Knacks. Doch der war noch relativ klein im Vergleich zu dem, was folgte, als der Tourismus Goa entdeckte. Nicht jener, der in Bussen zum Wochenende aus Bombay und Kerala anrollte, um sich die nackten weißen Paviane an den Stränden anzuschauen – eine Attraktion sondergleichen in einem Land, in dem die Frauen, wenn überhaupt, nur in voller Montur ins Wasser steigen, und wo die erste Unterwäsche nur sehr zögerlich auf der Filmleinwand erscheint. Nein, es handelte sich um den Tourismus, für den Goa ganz gezielt vermarktet wurde, und zwar unter einem Image, das kaum der Wirklichkeit entspricht: nämlich Wein, Weib und Gesang, gemixt mit Strandleben und gutem Essen.

Gewiß, 450 Jahre portugiesischer Herrschaft haben dem kleinen Territorium, das erst im Mai 1987 der 25. und damit erst einmal letzte Staat der Indischen Union wurde, eine gewisse lusitanische Leichtigkeit verpaßt, die Goa sehr vom übrigen Indien unterscheidet. Und Feni, dieses hochprozentige Gebräu aus Kokosmilch oder Cashew-Äpfeln, trägt seinen Teil bei zum „susegado“, der Vorliebe für das süße Nichtstun. Auch die Aufgeschlossenheit allen Fremden gegenüber, vor allem, wenn sie weiß sind, ist ungewöhnlich für indische Verhältnisse. Doch die leichtlebigen jungen Mädchen, die gitarreklimpernden Romeos, die allgegenwärtige heitere Unbeschwertheit, die schließlich in einem Karneval à la Rio überschäumt (in Wirklichkeit handelt es sich um eine etwas fade Angelegenheit, die seit zwei Jahren wegen heidnischer Exzesse von der mächtigen katholischen Kirche boykottiert wird), dieses Goa gibt es höchstens in den Werbeprospekten und auf den Reklametafeln, die den Besucher bereits auf der Flughafenstraße einstimmen sollen.