Das Verhältnis Bonn – Paris: Mehr Symbolik als Substanz

Von Roger de Weck

Paris, im Januar

Niemand vermag genau nachzurechnen, wie oft sie zusammengekommen sind. Wenn sie am Freitag den 25. Jahrestag der Unterzeichnung des Freundschaftsvertrages zwischen der Bundesrepublik und Frankreich begehen, werden sie sich etwa zum sechzigsten Mal treffen. Man sieht sie ständig Seite an Seite. Man hat sie, eines grauen Septembertages zu Verdun, Hand in Hand gesehen: Helmut Kohl und François Mitterrand stehen in der langen Reihe jener Deutschen und Franzosen, die sich zu Paaren aufgestellt haben.

I.

Wer im Buch der deutsch-französischen Geschichte weit zurückblättert, stößt auf so manches ungleiche Paar, angefangen bei Friedrich dem Großen und seinem huldvoll-spöttischen Hofdichter und Vordenker Voltaire. Die Sache konnte nicht gut ausgehen; der Potsdamer Hof war zu klein für zwei Herrscher, der eine über Preußen, der andere über das Zeitalter der Aufklärung. Nur knapp drei Jahre, von 1750 bis 1753, erfreute sich François-Marie Arouet, genannt Voltaire, des güldenen Kammerherrnschlüssels und der zwanzigtausendpfündigen Apanage. Der König, den man den „Philosophen von Sanssouci“ nannte, und der Philosoph, der sich wie ein König hofieren ließ, schieden im Unfrieden. Doch nie erkaltete ihre Haßliebe; bis zuletzt, ein Vierteljahrhundert lang, führten sie miteinander einen regen Briefwechsel und gegeneinander üble Streiche.

Voltaire und Frédéric le Grand – das war eine Zeit, da die Spitzen und die Stützen der Gesellschaft allesamt dieselbe Sprache sprachen, nämlich französisch. Heutzutage halten Kohl und Mitterrand (ausgerechnet in Frankfurt, wo der in Ungnade gefallene Voltaire auf Betreiben Friedrichs wochenlang gefangengehalten worden war) einen deutsch-französischen „Kulturgipfel“ ab. Aber sowohl der Bundeskanzler wie der Präsident der Republik beherrschen nur jeweils ihre Muttersprache und außer ein paar Brocken Englisch keine andere. Einst, da die Sprachbarrieren niedriger waren, zogen Deutsche und Franzosen gegeneinander in den Krieg. Jetzt, da sie ihre Nachbarn nicht mehr verstehen, leben sie miteinander in Frieden und Freundschaft.