Von Brigitte Macher

Wo schlägt das eiskalte Herz New Yorks vom Herbst bis in den späten Frühling hinein? Wo läßt man sich sehen auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, gibt seine private Show im glitzernden Kostüm?

Die versenkte Plaza im Rockefeller Center ist eines der kleinen, menschenfreundlichen Wunder in dieser als menschenfeindlich verschrieenen Stadt. Als Oase im Getriebe wird die Plaza im Sommer zum Café für die Pflastermüden, im Winter ist sie die Arena der Schlittschuhläufer. Die Saison beginnt im Oktober und endet erst, wenn die starke Frühlingssonne im April das Eis aufweicht. Dem Shopping-Guide entnehme ich die frohe Kunde, daß man Schlittschuhe auch leihen kann. Für ganze 11,50 Dollar inklusive Eintritt bin ich an einem nicht zu kalten Sonntagmorgen dabei.

Lebhaftes Gewusel im Umkleideraum und an der Garderobe, wo ich die schlittschuhverleihenden Damen erst nach zwei vergeblichen Versuchen von der wahren Größe meiner Füße überzeugen kann. Leider kriege ich dann nicht weichgepolsterte Leder-, sondern knallharte, blaue Kunststoffstiefel verpaßt, deren Rand mir in die Wade schneidet. Doch was tut man nicht alles, um ins „Winterwunderland“ zu gelangen und dies noch zu Füßen der Wolkenkratzer und im Anblick des „schweren Jungen“ Prometheus, der sich trotz seiner acht Tonnen vergoldeter Bronze anscheinend mühelos in der Schwebe hält.

Die Schlittschuhe laufen wunderbar, und so reihe ich mich ein in den endlosen Kreislauf Frohgestimmter, die sich in diesem Wolkenkratzer drehen. Sanfte Musik, deren Repertoire vom Musical bis zur Klassik reicht, scheint die vielen Läufer friedlich zu stimmen, keine mutwilligen Knaben erschrecken unsichere Anfänger oder ältere Damen. Für Ordnung sorgen zwei drahtige Attendants, grüngekleidete Aufseher, welche unwissende Neulinge wie mich höflich zurechtweisen, wenn sie quer über die Eisbahnen schießen, nur Könner dürfen in der Mitte ihre Pirouetten drehen.

Ein dunkelhäutiger Gentleman gesellt sich uns zu. Er war mir schon als guter Läufer aufgefallen, wie er in einer Ecke der Eisbahn auf engstem Raum Figuren lief, doch nie in die Mitte kam. Ich mache ihm ein kleines Kompliment für seinen Stil, das er strahlend quittiert. Als er erfährt, daß ich aus Deutschland bin, bricht es geradezu aus ihm heraus: „Sie werden es nicht glauben. Dort habe ich das Schlittschuhlaufen gelernt.“ Als Soldat sei er im Krieg und einige Jahre danach in Nürnberg stationiert gewesen – er senkt die Stimme als sei es ihm peinlich, davon zu sprechen –, und dort habe er auf einem zur Eisbahn umfunktionierten Tennisplatz seine ersten Kreise gezogen und sich so darin vervollkommnet, daß er später in den fünfziger Jahren professioneller Läufer geworden sei. Hier im Center habe er Schau gelaufen und unterrichtet. Deshalb zöge es ihn immer wieder hierher und nicht zum viel größeren „Wollman Rink“ im Central Park. Freilich habe er sich längst aus diesem Business zurückgezogen, er weist auf ein paar graue Löckchen unterm Mützenrand. Jetzt kümmert er sich hier um die Kinder, die er beim Laufen korrigiert und die sich schon wieder um ihn drängeln.

„Noch zehn Minuten“, verkündet eine sonore Stimme über Lautsprecher. Zu schnell ist die Zeit vergangen, und ich nütze sie nun noch bewußter, diesmal bei flotter Musik im Walzerschritt dahinschleifend. Kopf im Nacken, genieße ich den Blick hinauf zum weiß in der Wintersonne gleißenden schlanken RCA-Building, fühle mich verloren und gleichzeitig geborgen auf dem Grund der Wolkenkratzerschlucht.