Von Wilfried Kratz

Industrieminister Kenneth Clarke spendete der British Steel Corporation (BSC) das höchste Lob, daß die konservative Regierung einem staatlichen Unternehmen aussprechen kann. Der Stahlkonzern hat eine „eindrucksvolle Leistung“ in Gestalt höherer Gewinne vorgelegt und ist deshalb „reif für die Privatisierung“, die der Minister in Kürze mit einem entsprechenden Gesetzentwurf ins Werk setzen will. Im Feuer der Rationalisierung gehärtet, ist BSC nun „einer der erfolgreichsten Stahlproduzenten in Westeuropa“, der nach der kommerziellen Freiheit strebe, seine Wettbewerbskraft auf einem Stahlmarkt ohne Produktionsquoten auszuspielen.

Der Wandel des Konzerns, der den weitaus größten Teil der britischen Stahlindustrie repräsentiert, ist bemerkenswert. In einem radikalen Programm von Werksschließungen wurde die Belegschaft in den vergangenen zehn Jahren von 197 000 auf 52 000 verringert. 115 000 Stellen wurden gestrichen, weitere 30 000 in den privaten Sektor ausgegliedert, als Betriebe verkauft oder zusammengelegt wurden. In dieser Zeit fiel die Rohstahlproduktion von 17,4 auf 11,7 Millionen Tonnen, während die Produktivität stieg. BSC braucht heute 6,2 Arbeiterstunden, um eine Tonne Stahl zu schmelzen. Vor zehn Jahren waren es noch 15,3.

In den acht Jahren bis 1984/85 machte BSC Verluste, die sich auf siebzehn Milliarden Mark addierten. Danach wurde zum erstenmal wieder ein kleiner Gewinn von 114 Millionen Mark ausgewiesen, der sich im vergangenen Geschäftsjahr auf 534 Millionen Mark steigerte. Im laufenden Geschäftsjahr 1987/88 hat sich das Ergebnis noch verbessert. Gute Konjunktur der inländischen Abnehmer und höhere Exporte schoben im ersten Halbjahr per Ende September die Umsätze von 4,5 auf über 5,4 Milliarden Mark. Die günstige Entwicklung der Kosten sorgte für einen Nettogewinn von 570 Millionen Mark. Vorsitzender Sir Robert Scholey vermerkt einen „guten Auftragsbestand für den Rest des Jahres“, so daß Beobachter mit einem Gesamtgewinn von einer Milliarde Mark rechnen.

Seit dem Kriegsende ist die britische Stahlindustrie ein Spielball der Politik. Labour verstaatlichte sie 1949. Die Konservativen privatisierten sie 1953. Labour drehte 1967 den Spieß wieder um. Die Konservativen gingen Anfang der siebziger Jahre auf Rationalisierung, aber auch auf ungestüme Expansion. Wenige Jahre später strich Labour die Expansion und rationalisierte nur noch. Die Konservativen setzten diesen Kurs verschärft fort. Jahrelang war BSC einer der hungrigsten Kostgänger der Staatskasse. Diese Zeiten sind zunächst einmal vorbei. Nun stehen die Zeichen zur Freude des BSC-Vorstands, aber zum Ärger der Gewerkschaften auf Privatisierung, die in einem Jahr erwartet wird.

Mit der Gesundung ist auch wieder Selbstvertrauen eingekehrt. British Steel, so der staatliche Aufseher Kenneth Clarke, ist in einer „hervorragenden Position“. Das Unternehmen wird „ein gefährlicher und mächtiger Wettbewerber der anderen Europäer sein“. Aber das Quotenkartell der EG, welches die Produktion beschränkt, halte BSC zurück, die Absatzchancen zu nutzen. „Und deshalb dränge ich auf ein frühes Ende der Quoten.“ BSC ist da etwas zurückhaltender und hält eine Übergangszeit bei einigen Produkten für besser. In der notwendigen Umstrukturierung – und damit ist Kapazitätsabbau gemeint – müßten weitere Subventionen vermieden werden, „die solche Gesellschaften gefährdeten, welche aus dem Trauma der frühen achtziger Jahre als existenzfähig hervorgegangen sind“.

BSC hat fünf integrierte Stahlwerke, zwei in Wales, zwei in Nordost-England und eins in Schottland. Seit geraumer Zeit wird in Großbritannien diskutiert, ob der Konzern bei einer Produktion von bestenfalls 14 Millionen Tonnen im Jahr sich nicht auf vielleicht nur drei Standorte konzentrieren sollte. Um nicht neuerliche Unruhe hervorzurufen, weicht BSC dieser Frage mit der Prognose aus, man werde noch „für eine Reihe von Jahren“ Stahlproduktion an allen fünf Standorten brauchen.