Von Irene Mayer-List

Es ist kurz vor Mitternacht. Antje Vollmer, von der Jacke bis zu den Jeans und Stiefeln fliederfarben gekleidet, marschiert in der Dunkelheit zu ihrem Büro im Bonner Bundestagshochhaus zurück. Der Tag der grünen Abgeordneten war lang: Querelen in der Fraktion, Querelen im Bundesinnenausschuß, Sitzungen, enervierende Journalistenfragen und – erholsamer schließlich – ein langes Telephonat mit Johann, ihrem neunjährigen Sohn, der in Bielefeld von Pflegemutter Ingrid versorgt wird. Morgen macht er einen Schulausflug, und vor dem Schlafengehen erzählt er seiner Mutter ausführlich von seinem vollgepackten Rucksack.

Während Johann in Bielefeld nun schon lange schläft, fährt seine Mutter nochmals mit dem Aufzug in den vierzehnten Stock des Bundestagshochhauses, um ein paar Akten zu holen und um einen Nachtplausch mit ihrer besten Freundin, der grünen Abgeordneten und katholischen Krankenschwester Christa Nickels, zu halten. Dann ist der lange Tag endlich vorbei.

Lohnt sich all die Mühe für die grüne Partei? Sechs Stunden zuvor hatte ich Antje Vollmer getroffen, um sie einen Abend lang auszufragen. In den vergangenen Wochen stand die zierliche, kleine Abgeordnete mit der zittrig-schüchternen Stimme häufig im Rampenlicht. Immer wieder versuchte die ehemalige Pastorin zwischen Fundis und Realos, Unbeugsamen und Pragmatikern in ihrer zerstrittenen Partei zu vermitteln. Zur Zeit tüftelt sie mit Gleichgesinnten an einem grünen Zukunftsmanifest, über das die 40 000 Parteimitglieder im Sommer abstimmen sollen. Ein letzter verzweifelter Versuch zur Einigung? Warum kämpft sie so zäh für die grüne Idee?

Persönliche Fragen beantwortet die Westfälin äußerst ungern. Sie schiebt mir auf ihrem Schreibtisch ein Plätzchen für den Notizblock frei. Der Kaffee ist etwas abgestanden, der Aschenbecher voller Kippen, der Schreibtisch quillt über vor Papier. Antje Vollmer zündet eine Zigarette an und beginnt erst einmal zu dozieren: „Der grünen Partei geht es zwar schlecht, der grünen Idee geht es aber eigentlich ganz gut. Ich habe immer auch für möglich gehalten, daß die Grünen nur eine Art Vorläuferfunktion haben. Irgendwie sind ja sogar Frau Süssmuth und selbst Herr Blüm und Herr Geißler schon Propagandisten der grünen Idee.“

Warum opfert sie dann ihre Nächte und Wochenenden für die Partei? Warum dieser Einsatz, wo doch mancher grüne Wortführer sie dafür nur als naive Idealistin verlacht?

Antje Vollmer steht auf und geht im Zimmer auf und ab. „Ich kann es halt nicht lassen.“ Sie macht eine lange Pause: „Ich kann es nicht mit ansehen, wie so etwas wie die Grünen, wie dieses ganze demokratische Widerstandspotential einfach so vor die Hunde geht. Ich halte es nicht aus.“ Sie setzt sich wieder hin und stochert schweigend in ihrem Aschenbecher herum. Dann fügt sie leise hinzu: „Wir dürfen nicht noch einmal so unklug sein wie die 68er. Wir dürfen nicht noch einmal unsere eigene Niederlage selbst mitinitiieren. Es macht mich krank, daß die anderen dann so recht behalten würden – diese Generation, die diesen wunderbaren Staat aus dem Nichts geschaffen hat und die das Privileg hatte, alles nach ihrem Geschmack zu machen.“