Von Marlies Menge

Rosa Luxemburg wäre sehr enttäuscht: Weil junge Leute in einem von ihr so leidenschaftlich ersehnten sozialistischen Staat Transparente mit ihrem vielzitierten Satz: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ trugen, wurde ihnen die Freiheit genommen – sie wurden verhaftet, vierzehn wurden innerhalb weniger Stunden aus der DDR ausgewiesen.

Ostberliner Zeitungen hatten letzte Woche die Bevölkerung zur „großen Kampfdemonstration“ aufgerufen – zum Gedenken an die beiden deutschen Kommunisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die vor 69 Jahren von Rechtsradikalen ermordet worden waren. Zu lesen war, welche Betriebe sich wo zur Demonstration einfinden sollten. Es war wie in jedem Jahr. Nur fühlten sich diesmal auch Andersdenkende angesprochen, die mit der Einladung ganz und gar nicht gemeint waren. Im Gegenteil: Sie waren vorher aufgefordert worden, „antisozialistische Provokationen“ zu unterlassen. Über einige wurde vorsorglich Hausarrest verhängt um zu verhindern, daß sie auf andere als die offizielle Weise der Toten gedenken.

Am Sonntag zog der offizielle Zug durch die Straßen Ost-Berlins, an der Spitze Honecker und die Parteiführung. Weiter hinten versuchten Mitglieder unabhängiger Öko-, Friedens- und Menschenrechtsgruppen, ihre Forderungen öffentlich zu machen. Sie wurden prompt festgenommen. Von 30 bis 40 Inhaftierten war zunächst die Rede, später von 100 bis 120.

Die Aufmüpfigen in der DDR sind keine Massenbewegung, die das System stürzen könnte oder wollte. Es sind kleine Gruppen, durchaus nicht homogene Gruppen in Ost-Berlin und in anderen Städten. Da sind zunächst die, die vom DDR-Sozialismus nichts mehr wissen wollen und ausreisen möchten in die Bundesrepublik. Wie es heißt, sollen auch sie am Sonntag mit ihren Forderungen dabei gewesen sein. Sie sind ein besonderer Dorn im Auge der DDR-Staatsführung. Es wird sie geben, solange die DDR bleibt, wie sie jetzt ist, vor allem auch, solange der Lebensstandard im westlichen Deutschland so viel höher ist als im östlichen.

Größer und gewichtiger ist die Gruppe jener, die bleiben wollen, sich aber einen anderen Sozialismus erträumen als den, den die DDR bisher bietet. Ihre Mitglieder sorgen sich um die strapazierte Umwelt; sie wünschen sich die DDR im Inneren friedlicher und hoffen auf Gorbatschows neues Denken auch in ihrem Lande.

Die jungen Leute, die zu Pfingsten vergangenen Jahres am Brandenburger Tor vor allem die Musik aus West-Berlin hören wollten, ärgerten sich über die Polizisten, die sie zurückdrängten, und rächten sich, indem sie in westliche Mikrophone schrien: „Die Mauer muß weg!“ und „Gorbatschow, Gorbatschow!“. Sie kennen die wunden Punkte ihrer Obrigkeit.