Der hierzulande renommierteste Firmenfinanzchef bereitet sich auf neue, größere Aufgaben vor: Der 64jährige Heribald Närger, dienstältestes Vorstandsmitglied bei Siemens und Herr über eine prall gefüllte „Kriegskasse“ von mehr als zwanzig Milliarden Mark, soll Aufsichtsratsvorsitzender des Elektro-Multis werden.

Wenn der Siemens-Aufsichtsrat am 27. Januar in München zu seiner nächsten Sitzung zusammentritt, wird er den brillanten Manager, mit dessen Namen sich die sagenhaften Liquiditätsreserven seines Unternehmens („Närger-Turm“) verbindet, zur Wahl in dieses Gremium vorschlagen. Die Hauptversammlung am 24. März, daran gibt es keinen Zweifel, wird Närger dann in den Aufsichtsrat entsenden. Im Anschluß daran wird er dort zum Vorsitzenden gekürt.

Närger tritt damit die Nachfolge des 73jährigen Bernhard Plettner an, der davor Siemens-Vorstandsvorsitzender war und 1981 an die Spitze des Aufsichtsrats wechselte, da aus der Gründerfamilie Siemens noch kein vom Alter und von der Reputation her geeigneter Namensträger nachgewachsen war. Närger wird in der 140jährigen Firmengeschichte der zweite familienfremde Aufsichtsratsvorsitzende. An der Schwelle zum Pensionsalter wartet damit – für voraussichtlich fünf Jahre – ein neuer, reizvoller fulltime-job auf ihn.

Als solchen hat ihn jedenfalls sein Vor-Vorgänger, der inzwischen verstorbene Peter von Siemens, immer empfunden. Dessen 50jähriger Sohn Peter von Siemens ist erst seit einem halben Jahr Mitglied des Siemens-Vorstands, und dies ist eine wichtige Voraussetzung dafür, daß er später einmal an die Spitze des Aufsichtsrats treten kann. Siemens ist bekannt für eine Personalpolitik der Kontinuität.

Viel Geld ist selten ein Ärgernis – für Närger wurde es mitunter geradezu zur Plage. Er wurde gescholten für seine Milliarden, die er auf die hohe Kante legen konnte, während sie anderen, die meinten, damit etwas Vernünftigeres anfangen zu können, fehlten. Die Auguren der Wirtschaft reagierten verblüfft, irritiert und aufgeregt, als die flüssigen Mittel in der Weltbilanz von Siemens Ende der siebziger Jahre unaufhaltsam kletterten: Erst erreichten sie acht Milliarden Mark, dann schwankten sie einige Jahre zwischen neun und zehn Milliarden und schließlich, von 1982 an, stiegen sie weiter steil an – bis auf nahezu 22 Milliarden Mark. Mehr als vierzig Prozent seines Jahresumsatzes hat der größte deutsche Elektrokonzern damit in der Kasse.

Der Mann, der für diesen Geldsegen verantwortlich zeichnet, der ihn virtuos verwaltete und mehrte, blieb in all den Jahren gelassen, in denen er sich immer wieder für seine volle Kasse rechtfertigen mußte. Auch Unionspolitiker schossen sich auf Siemens ein: Man sah in dem Riesenvermögen nicht nur den Ausdruck einer grundsoliden, betont konservativen Finanz- und Anlagepolitik, sondern argwöhnte, Siemens versäume aus falschverstandener Sparsamkeit wichtige Investitionen und Innovationen, verschlafe womöglich seine Zukunft in avantgardistischen Bereichen und setze, bar jeder volkswirtschaftlichen Verantwortung, zu wenig Mittel ein, um die Arbeitslosigkeit abzubauen. Närger als Exponent des unverstandenen superreichen Unternehmens mußte, und mochte er sich auch mit Engelszungen gegen die Vorwürfe zur Wehr setzen, viel Kritik einstecken.

Ganz anders sehen dies die internationalen Research- und Analyse-Firmen. Die Bilanzprofis, die Jahr um Jahr die großen Konzerne auf Herz und Nieren überprüfen, sind voll des Lobes. Siemens mit seiner „exzellenten Bilanz“ steht für sie „fest wie ein Fels“ (First Boston), gilt als „ausgezeichneter langfristiger Wert für den geduldigen Investor“ (Goldman Sachs), ist „finanziell eine sehr starke Gesellschaft mit gewaltigen Kassenreserven und eines der profitabelsten und zugleich innovativsten Elektrounternehmen der Welt“ (Vickers da Costa). Solche Zensuren sind gewiß wichtig für ein Management, das weltweit auf die Gunst der Anleger angewiesen ist.