Für die Sozialdemokraten ist Heiko Hoffmann ein respektabler Gegner

Von Dieter Buhl

Kiel, im Januar

Im Kieler Landeshaus breitet sich allmählich wieder jene behäbige Ruhe aus, wie sie dort vor den politischen Herbststürmen herrschte. Die Erschöpfung durch den Skandal und durch seine mühevolle Bewältigung wirkt nach. Das kriminelle Treiben mitten im Zentrum der schleswigholsteinischen Politik hat manchen Politikern die Lust an ihrem Geschäft genommen, und die, die in weiterbetreiben wollen, hüten sich vor lauten Tönen. Letztlich haben die ungeheuren Vorgänge in der Staatskanzlei alle Parteien in ihrem Selbstverständnis erschüttert. Ihre Führungsriegen trösten sich allein mit der Gewißheit, daß es so schlimm wie in den vergangenen Monaten nie wieder auf sie niederprasseln wird.

Die weitgehend von der CDU geprägte politische Idylle an der Förde ist jedoch ein für allemal dahin. Das weiß niemand besser als die Christdemokraten, die 38 Jahre auf die Macht abonniert waren. Sie haben den Affärenschock noch längst nicht verkraftet. Wie schwer der Vertrauensschwund auf ihnen lastet, wie tief die Entfremdung in ihren Reihen geht, haben sie bei der Suche nach einem Spitzenkandidaten für die kommende Wahl erfahren. Mehr als ein Dutzend Politiker aus Schleswig-Holstein und von jenseits der Landesgrenzen stand zur Debatte. Keiner oder keine von ihnen wollte jedoch das Joch auf sich nehmen, die gebeutelte Partei aufzurichten und an ihrer Spitze in einen wenig verheißungsvollen Wahlkampf zu ziehen.

Unter diesen schwierigen Umständen haben die christdemokratischen Führungszirkel am Wochenende mit der Nominierung des Justizministers Heiko Hoffmann zum Spitzenkandidaten geradezu einen Glücksgriff getan. Der 52jährige Hoffmann ist erfahren in der schleswig-holsteinischen Politik und doch nicht verwoben mit dem dichten Filz der christdemokratischen Dauerregierer; er hat sich seit 1979 erst als Fraktionsführer und dann als Minister bewährt, und er ist dennoch nicht zum Politruk ohne menschliches Profil geworden. Der gebürtige Stettiner, der 1953 aus der Sowjetunion flüchtete, kennt die Gefahren der Unfreiheit. Seine Erfahrungen mit einem totalitären Regime erklären, warum ihm Toleranz ein Bedürfnis ist und auch die Argumente des politischen Gegners seinen Respekt finden.

Hoffmanns Nominierung hat Zustimmung gefunden, wie sie kein anderer CDU-Spitzenkandidat hätte erwarten dürfen. Das eigene Lager setzt auf seine Fähigkeit zum Ausgleich und erhofft sich Aufmunterung in einer tristen Situation. Nicht einmal Hoffmanns erklärte Botschaft, sich weiter selbstkritisch mit dem Unwesen in der Barschel-Regierung auseinanderzusetzen, schreckt die Christdemokraten; die meisten von ihnen wissen inzwischen ohnehin, daß jetzt nur noch schonungslose Ehrlichkeit hilft.