Die Politiker verschaukeln uns doch von vorne bis hinten, der eine schiebt das auf den anderen, und keiner weiß, was geschieht.“ Die beiden Blumenverkäuferinnen auf dem Marktplatz vor dem historischen Lübecker Rathaus sind sich einig: „Die denken alle, wir sind bekloppt.“

Seit in der vergangenen Woche Gerüchte über einen möglichen Transport „atomwaffenfähigen“ Materials nach Pakistan und Libyen über die Häfen der Hansestadt laut wurden, stehen die Zeichen auf Sturm: Protestdemonstrationen, Blockaden und Mahnwachen sind an der Tagesordnung, Senatsmitglieder und Bürgermeisterin rufen zu rechtswidrigem Verhalten auf, die Spekulationen blühen, und die Gerüchteküche brodelt.

Was ist da alles über den Hafen heimlich verschoben worden, wer wußte etwas davon, haben sich einige Beamte – so en passant – ein kleines Häuschen an der Ostsee verdient? Gibt es möglicherweise Verbindungen zwischen dem Tod des ehemaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel und Atomschiebereien? Schließlich war der – im Juni 1987 geschaßte – schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Manfred Biermann lange Zeit für den Hafen zuständiger Senator in der Hansestadt! Keine Vermutung ist dieser Tage zu abwegig, in Lübeck wird derzeit alles, aber auch alles, für möglich gehalten.

Die Kernbrennstoffe seien über die Hafenanlagen der Neue Metallhüttenwerke Lübeck, unter Koks versteckt, auf einem finnischen Frachter nach Pakistan gebracht worden, berichtete Paul Staes, belgischer Europa-Abgeordneter der Grünen. Knut Suhr aus dem Beirat (Aufsichtsrat) der Metallhütte weist diesen Verdacht zurück: „Ich kann ausschließen, daß spaltbares Material jeder nur gearteten Form weder in der Vergangenheit noch jetzt transportiert worden ist.“

Es gebe da allerdings ein paar Fakten, die gut in die Story paßten, meint Suhr: „Das hat sich wohl jemand zunutze gemacht.“ Die Fakten: Die Neuen Metallhüttenwerke gehören einer Transport-Firma in Bremen, die wiederum eine Tochtergesellschaft der Intergulf Inc. mit Sitz in Monrovia, der Hauptstadt Liberias, ist. Und diese Gesellschaft nun gehört zwei Pakistanern, den Brüdern Gokal. Kein Beweis – doch den zornigen Lübeckern ist das längst egal.

Die letzte große Ladung mit plutoniumhaltigen Brennstäben ging trotz eines Verbots der Stadt vor gut einer Woche nach Schweden. Die Gerichte hatten die Beschwerden Lübecks zurückgewiesen – der öffentliche Hafen sei zum Umschlag verpflichtet. Auch die rund 500 Demonstranten konnten nicht verhindern, daß die beiden Behälter mit Brennstäben in einer Nachtund-Nebel-Aktion an Bord des Atommüll-Frachters „Sigyn“ gebracht wurden.

Erfolgreicher verlief da der vergangene Sonnabend: Demonstranten besetzten den Fähranleger am Skandinavienkai in Lübeck-Travemünde und vereitelten die Verschiffung von drei LKW, beladen – laut Frachtpapieren – mit 21 Tonnen Uranhexafluorid. Die „Zwischenlagerung“ auf dem Gelände einer Bundesgrenzschutz-Kaserne hält Bürgermeisterin Sabine Bauer (SPD) schlicht für rechtswidrig.